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Die deutschen Kolonien in Wort und Bild : Geschichte, Länder- und Völkerkunde, Tier- und Pflanzenwelt, Handels- und Wirtschaftsverhältnisse der Schutzgebiete des Deutschen Reiches / von Gustav Meinecke
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Der Beginn der neuen Aera.

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achdem Deutschland durch die Freiheitskriege aus seiner Erniedrigung sich emporgerasst, und die Idee des fest geeinigten Deutschlands durch die Schaffung des Zollvereins und die Entwicklung der modernen Verkehrsein- richtnngen tiefere Wurzeln geschlagen und das gesunkene Kraftgefühl belebt hatte, lenkten -unternehmende Teutsche wieder das Augenmerk des deutschen Volkes auf die überseeischen Länder. Es war nicht bloß Nordamerika, welches als AnswandernngSziel in ungleich höherem Maße in Aufnahme kam als im achtzehnten Jahrhundert, sondern vor allem Südamerika, wo deutschen Kolonisten sich ein gedeihliches Fortkommen ermöglichen ließ. Das Deutsch­tum begann sich mit seiner früheren Eypansivkraft über die ganze Erde zu verbreiten, in Australien, in Rußland entwickelten sich deutsche Kolonien in erfreulicher Weise, da sie von den dortigen Regierungen als ein wichtiges Element für den wirtschaftlichen Fortschritt dieser Länder geschützt und gehegt wurden. Der beständige Verkehr der Ausgewanderten, welche sich in Süd amerika kräftig gegen ein Aufgehen in der Bevölkerung ihres Adoptivvater- landes sträubten, mit der Heimat, eine gesteigerte Missionsthätigkeit, vor allem aber der ausblühende Handel und Verkehr trugen dazu bei, die Kennt­nis der überseeischen Gebiete in weitere Kreise zu tragen und immer wieder die Frage auftauchen zu lassen, ob nicht bald der Zeitpunkt gekommen sei, da Preußen oder das Deutsche Reich eigene Kolonien erwerben könne, um die deutsche Auswanderung nach ihnen abzulenken.

Aber niemand wußte recht anzugeben, auf welchem Wege dies zu er­reichen sei, und da die allmählich sich durchringende Manchester Lehre der kolo­nialen Ausbreitung nicht günstig war, mehrere größere von Gesellschaften unternommene Kolonialgründnngen mißglückt waren, so waren die praktischen Männer unthätig, während von deutschen Gelehrten, charakteristisch genug, die Systematik der Kolonien geschrieben wurde. So viel hatte sich aber klar herausgestellt, daß, wenn überhaupt kolonisiert werden sollte, nur Preußen daranfzielende Pläne verfolgen könnte, obwohl es erst die Anfänge einer See­macht besaß. Aber die Zeit war noch nicht reif für weitansschanende, über­seeische Unternehmungen, und die Anträge, welche von im Allslande lebenden Deutschen, z. B. aus Australien kamen mit der Bitte, doch Neuguinea zu annektieren, wanderten zu den Akten. Preußen hatte auch kein aktuelles Interesse Kolonien zu erwerben lda eine Answandernngspolitik, welche ein solches hervorgerufen hätte, nicht beliebt wurde), zumal der Handel vornehm­lich in den Händen voll Bremen und Hamburg lag, deren Interessen in mancher Beziehung mit den preußischen «licht übereinstimmten.

Mit dem ungeheuren Aufschwung des Jahres 1870 wurden aber fast auf allen Gebieten die Grundlagen für eine Ausbreitung des deutschen Ein­flusses erweitert, und das in wenigen Jahren erreicht, wozu früher Jahrzehnte gehört hätten. Mit der Erschließung der westfälischen Kohlenlager wuchs die prenpisch dentsche Jndnslrie zu überraschender Blüte und konkurrierte er­folgreich aus dem Weltmarkt, daneben entwickelte sich, den gesteigerteil Bedürf­nissen entsprechend, die Konsnlatsorganisation, neue Dampfer erweiterten den

Verkehr, und vor altem wurde eine Marine geschaffen, welche die Vor­bedingung für eine jede aktive Kolonialpolitik war. Für die große, seit der Selbsternenernng des Reiches lebhaft erkennbar gewordene wirtschaftliche Kraftentfaltnng ist unsere Kriegsmarine nach verschiedenen Richtungen hin wahrhaft bedeutend geworden. Dieselbe ist nicht nur infolge der vergrößerten politischen Anforderungen ein bloßes militärisches Machtmittel, sondern sie hat vor allem an den neuen Aufgaben unseres Kultur lind wirt­schaftlichen Lebens einen thatkräftigen Anteil genommen und ist ein wichtiger Hebel für die Erfolge und Fortschritte auf, diesem Gebiete geworden. Ob­wohl die hanseatischen Schiffe auch schon früher auf eigene Faust ferne Ge­wässer aufgesucht hatten und daher einen durch lange Traditionen gestärkten Unternehmungssinn besaßen, welcher durch die Unterstützung der Kriegsmarine nicht entwickelt, sondern nur gefördert zu werden brauchte, so hat der deutsche Seehandel das Gefühl der Sicherheit doch erst gewonnen, seitdem die schützende Aufgabe der Kriegsmarine vo>« ihrer obersten Verwaltung aufgefaßt und nach­drücklich vertreten worden ist. Die Verwaltung hatte von Anfang an die kommerzielle Bedeutung dieses Zweiges der maritimen Thätigkeit richtig er­kannt. Seit den Jahren 1859/01, wo in Ostasien nach erfolgten! Abschluß von Handels- und Schisfahrtsverträgen Kriegsschiffe stationiert wurden, wurde allmählich die Einrichtung solcher Kriegsschifsstationen auch für andere Meere beschlossen, von denen die Station in der Südsee mit dein Zentralpnnkt in Apia besonders wichtig wurde. Es wurde dadurch nicht bloß das Bestehende geschützt, sondern auch dem Handel genützt, da das frühere Gefühl der Un­sicherheit schwand und Garantien für einen energischen Schutz und fortdauernde Entwicklung gegeben waren. Die Stationsfchiffe besuchten planmäßig alle Küsten und Häfen ihres Bezirkes und orientierten sich gründlich über alle Verhältnisse, soweit sie für den Verkehr ihrer nationalen Flagge nutzbringend und auch der Regierung zur Information für ihre Maßregeln dienlich sei» konnte». Im Bereiche jeder Station sind ein oder mehrere Zentralhäfen, und wo die Schiffe dein Oberkommando eines Geschlvaderchefs unterstellt sind, da sind diese Zentralhäfen auch die Basis der Operation des ganzen Geschwaders, wie sie auch zugleich die Poststationen und Ansrüstnngsplätze desselben, der einzelnen Schiffe oder des Geschwaders sind. Die Ergebnisse aller Beobachtungen der Schisse werden von den Kommandanten derselben zum Gegenstand eingehender Berichte gemacht, die schließlich an die Admirali­tät und das Auswärtige Amt gelangen, welches die intellektuelle Leitung unseres überseeischen Flottendienstes in Händen hat. Diese Berichterstattung, welche sich häufig auf Prodnktions und kommerzielle Verhältnisse erstreckt, war um so wertvoller, als sie ein unparteiisches Urteil lieferte, das für später sehr nutzbar gemacht werden konnte.

Der erste Versuch, in einem bescheidenen Maße Kolonialpolitik zu treiben, führte zur Samoavorkage, als Gefahr im Verzüge war, daß es den dortigen Deutschen ebenso gehen würde wie auf den Fidschi-Inseln, wo sie von den Eng­ländern verdrängt worden waren. Die Reichsregiernng faßte deshalb den Ent-