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lveltpolitik, Imperialismus, Aolonialpolitik.
II. Bd.,
VI ll. Russischer Imperialismus.
^enn die Angelsachsen mehr als irgend ein anderes Volk für die Betätigung des neuzeitlichen Imperialismus vorherbestimmt zu sein scheinen, so sind die Russen ganz gewiß ebenso für den älteren wie für den neueren Imperialismus geeignet. Vom Russischen Reiche gilt das, was man früher unter dem Imperialismus verstand, „ein Zustand der Staaten, in welchem nicht das Gesetz, sondern die auf die Militärmacht sich stützende Willkür des Regenten herrscht." Aber auch der moderne Imperialismus, die geltende Macht des Staatswillens außerhalb der Grenzen des bisherigen Heimatsstaates, findet bei keinem anderen Reiche eine so kräftige Betätigung, wie bei dem Russischen Reiche seit j)eter dem Großen. Gewiß spielt hierbei auch die Kolonisation eine Rolle, und es ist falsch, wenn man bis vor kurzem Rußland nicht zu den Kolonialmächten rechnen wollte. Aber die Kolonisation bedeutet bei den russischen Ausdehnungsbestrebungen eigentlich nur die Festigung der gewonnenen Herrschaft und sie ist wohl heute noch weniger Selbstzweck, als Mittel zum Zweck. Wenn man von der russischen Aus- wanderung und Kolonisation weniger gesprochen hat, als von derjenigen der westeuropäischen älteren und neueren Kolonialvölker, so ist dies dem ausschlaggebenden Umstände zu danken, daß die Neusiedelung des russischen Volkes ostwärts sich im unmittelbaren Anschluß an das alte europäische Siedlungsgebiet vollziehen konnte und daß über sie in der Zwangsauswanderung (Deportation) ein Schleier gelegt werden konnte, der die Aufmerksamkeit von der Hauptsache, nämlich der freiwilligen Wanderschaft des russischen Volkes ostwärts, ablenkt.
Die östliche Ausdehnung Rußlands war eine Betätigung des Weltherrschaftsgedankens, ein Ausfluß der durch das Testament Meters des Großen festgelegten Lehre und sie ist auch heute noch getragen von den Weltherrschaftsgedanken, die Hermann Brunnhofer (vergl. oben S. 26 ) zusammengefaßt hat.