I. Ausöehimngsnlögllchkeiten.
ISL^as den Fragen der Weltpolitik, des Imperialismus und der AolomalpolitiE (Aemelnsame ist die Ausdehnungslust eines Volkes oder eines Staates. Die wissenschaftliche Behandlung dieser Fragen wird wesensli'ch^dadurch erschwert, daß die Grenzen zwischen den Bestrebungen eines Volkes und zwischen denen eines Staates nicht bestimmt gezogen werden können.
Die Ausdehnung ist ein notwendiger Entwickelungsvorgang eines gesunden Lebewesens, Zeugung und Geburt sind Ausdehnungen, Ausbreitungen, der Tod ist ein Zurückgehen, ein Verschwinden. Bei Völkern und Staaten kann die Ausdehnung sich räumlich oder nach der Menge vollziehen, und gesunde Völker müssen sich entweder in der einen oder anderen weise oder in beiden Arten ausdehnen. Dabei ist dann die Gesundheit des Volkes im weitesten Sinne das Ziel der Heimatpolitik, die Kolonisation aber nur eine der verschiedenen möglichen Formen der Ausdehnung, die Kolonialpolitik nur eine Art der auf diese Ausdehnung gerichteten Bestrebungen. Das letzte, wenn auch oft unbewußte Ziel der aus Ausdehnung gerichteten'Bestrebungen der Völker ist aber eine Neuaufteilung de r Erde. Diese ist niemals eine endgültige. Sie wird unzählige Male wiederholt, dann, wenn sich die Machtverhältnisse und die Ausdehnungsmöglichkeiten der Völker und Staaten verändern.
Niemand pflegt an den Ausdehnungsbestrebungen der Völker Anstoß zu nehmen. Sobald aber diese Bestrebungen auch zu Versuchen der Staaten führen, ihre Grenzen nach auswärts zu verrücken oder sich außerhalb ihrer Grenzen zu betätigen, dann schreien Manchesterleute und Friedensengel über Chauvinismus, obgleich es sich doch nur um eine andere Gestaltung oder um eine Fortsetzung der Entwickelungsbewegungen der Völker handelt.
Hasse, Deutsche Politik, II. Bd., I, H.
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