1. Capitel.
Wo heute in den Unterweserstädten 100000 Menschen wohnen, da lagen vor 100 Jahren der unbedeutende Flecken Lehe und nahe dem Ufer von Geeste und Weser die kleinen Dörfer Geestendorf und Wuls- dorf, da weideten die Rinder, Schafe und Gänse, da rauschte das Schilf und klang der Schrei der Möwe über dem wogenden Wasser, dem bei hohen Fluten aus beiden Ufern der Geeste der Weg tief ins Land hinein offen stand. Während das breite Wattvorland die Landung an der Rordseeküste und in dem eigentlichen Mündungsgebiet der Weser, das bei der Geestemündung beginnt, sehr erschwert oder geradezu unmöglich macht, durchbricht die Geeste diesen Wattgürtel und bot in ihrem vielfach gekrümmten Laus bis Lehe hinauf den Schiffen einen bequemen und ziemlich sicheren Liegeplatz. *)
Für den Handel hat diese Tatsache in alten Zeiten geringe Bedeutung gehabt, konnten doch die Schiffe ohne Schwierigkeit bis Bremen hinauf gelangen. So war der Kaufmann zwar nicht sicher vor Ueber- fällen der Anwohner, aber doch mit seinen kostbaren Waren nicht so gefährdet wie auf dem Landwege. Wohl aber folgte aus der geschilderten Lage der Geestemündung ihre hohe militärische Bedeutung. Der von See andringende Feind mußte verhindert werden, hier zu landen, und außerdem war hier die erste Stelle, von wo aus man feindlichen Schiffen den Weg weseraufwärts versperren konnte, besonders seitdem es einigermaßen weitreichende Kanonen gab.
Welche Rolle die Geestemündung in den Zeiten der Wikingerzüge gespielt hat, ist uns nicht überliefert. Wir können aber als gewiß annehmen, daß schon die Wikings ihre Kiele auf das Geesteufer gezogen