Die Fassaden
D ie Architektur Bremens war von jeher mehr den Einflüssen anderer Handelsstädte der Küste als denen der angrenzenden Landesteile unterworfen. Denn Bremens Hinterland selbst war arm an Orten, in denen sich die Architektur in vergangenen Jahrhunderten zu einer hohen Blüte aufgeschwungen hätte. Auf dem Wege des Seehandels aber kamen die Bremer schon frühzeitig mit den Holländern in Berührung, deren grosser wirtschaftlicher Wohlstand sich auch in einer eigenartigen, glänzenden Baukunst geäussert hatte. Kein Wunder also, dass durch den regen Verkehr mit Holland die Bremische Architektur schon in den Zeiten der Renaissance ständig neue Anregungen dorther empfing; und nur unter diesem Gesichtspunkt können wir in der Baukunst Bremen gerecht werden. Tragen doch selbst in der Blütezeit bremischen Schaffens fast alle bedeutenden Bauwerke den Stempel niederländischer Kunst und auch jene Wahrzeichen der Stadt, das Rathaus und der Schütting, sind unter den Auspizien niederländischer Meister vollendet worden. Es ist das Verdienst Ysendycks, uns in seinem Werk: „Documents de l’art dans les Pays-bas du Xme au XIXme siede“ die Hauptwerke der niederländischen Baukunst und damit die Quellen für zahlreiche Bremische Gebäude erschlossen zu haben.
Die glänzenden Zeiten der Renaissance, die sich für Bremen vor allem an den Namen Lüders von Bentheim knüpfen, waren nur von kurzer Dauer gewesen. Schon in den drei Hauptwerken dieser Epoche (1612 Rathausfassade, 1618 Essighaus, 1622 Krameramtshaus) vollzieht sich der Uebergang zum Barock. Die strengen Formen weichen allmählich einer loseren, reichbewegten Linienführung, die schliesslich zu reiner Dekorationskunst herabsinkt. Aber noch bis in die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts begegnen wir diesen eleganten Bauwerken, die mit ihren überaus zarten Sandsteinornamenten für das Stadtbild Bremens so charakteristisch sind. Erst um 1670 machen sich niederländische Einflüsse wieder stärker bemerkbar. Hier hatte sich indessen das Barok zu seiner höchsten Blüte entfaltet und bald können wir auch in Bremen diese Bauweise wahrnehmen. Kennzeichnend für diese Häuser sind die einfachen Staffelgiebel, deren Zwickel mit Voluten, Blumen- guirlanden und Delphinen in stark bewegter Sandsteinarbeit ausgefüllt sind. Jedoch die Voraussetzungen zur Uebernahme dieser Bauweise waren nicht mehr die gleichen wie in der Renaissance. Hatte damals die blühende Steinmetzkunst der Architektur zu ihrer höchsten Vollendung verholfen, so war die Behandlung des „Grauwerks“ mit dem Sinken des Jahrhunderts immer mehr in Verfall geraten und scharf genug kontrastiert jetzt jene derbe Arbeit mit
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