Das Ganghaus
D as lebhafteste Interesse unserer Zeit gilt dem Problem des Wohnens der unbemittelten Klassen. Die Frage nach dem Arbeiterhaus der Vergangenheit ist in den letzten Jahren mehrmals zum Thema wissenschaftlicher Betrachtungen gemacht worden und auch jene kleinsten Häuser Bremens, die Ganghäuser, sind bereits in einer sehr gründlichen Broschüre behandelt, (Mitteilungen des Bremischen Statistischen Amtes vom Jahre 1902. Beiträge zur Wohnungsstatistik I. Die Wohnungen in den Gängen und Höfen der Neustadt), in dem ca. 200 Häuser normaler Typen auf Bauart, Hygiene, Bewohnerzahl und Mietspreis untersucht wurden. So soll denn dies Kapitel nur flüchtig auf die Ganghäuser eingehen, entsprechend der ziemlich geringen Bedeutung, die diese für das Gesamtbild der bremischen Architektur um 1800 besitzen.
Das Armeleutehaus der alten Zeit ist für Bremen das „Ganghaus“, ein einstöckiges Fachwerkhaus, das meist in längeren Reihen von gleicher Bauart an schmalen Gängen und Höfen auf dem Hinterland grösserer Grundstücke vorkommt. Diese Ganghäuser vom kleinsten Typus A (Figur 57) sind bis auf die gotische Zeit nachgewiesen und finden sich fast im ganzen niedersächsischen Gebiet. Sie scheinen sich hier neben dem Bauernhaus ganz selbstständig erhalten zu haben, und nur in seltenen Fällen haben sich diese Bauarten vermischt.’*) Seiner Entstehung nach stellt dieser Typus wohl die primitivste Entwicklungsform des Einraumhauses dar: von dem dielenartigen Raum des Hauses ist an der Strassenseite ein besonderes Zimmer abgeschlagen. Auch in Bremen kamen diese Häuser bereits in sehr früher Zeit vor, allein vermutlich seltener in der Innenstadt. In den älteren Chroniken sind sie als „Buden“ (bodae) erwähnt, doch dürfte diese Bezeichnung nicht ganz eindeutig sein, da sicher auch andere Kleinhäuser, vor allem aber Fachwerkbauten im Gegensätze zu den massiven Häusern so genannt wurden. So möchten wir trotz dieser öfteren Erwähnung den Ganghäusern in der Innenstadt keine grosse Verbreitung zumessen, zumal sie auf den Plänen der Bürgerkompanie von 1733,1769 und 1789 (gezeichnet vom Artillerie- Leutnant Radleff), auf denen alle Häuser eingezeichnet sind, kaum zu finden sind. Auch in dem Armeleuteviertel der Altstadt, dem Stephaniviertel waren sie um 1800 sicher nicht sehr häufig. Die Stephanivorstadt, die sich im letzten Jahrhundert nur wenig verändert hat, weist nur eine beschränkte Zahl solcher Bauten auf. Weit mehr standen wohl vor den Toren der Stadt. In der Gegend
*) Näheres über das Vorkommen ähnlicher Anlagen in der Entwicklung des niedersächsischen Bauernhauses wird die Arbeit des Reg. Baut. Lindner über niedersächsiche Bauernhäuser enthalten.