Heft 
(2016) Bd. 13. Historismus und Gründerzeit I
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Struwe Schwartz - Historische Seezeichen in Bremerhaven

Ottmar Struwe und Uwe Schwartz

Historische Seezeichen in Bremerhaven

Schifffahrtszeichen, im Küstenbereich und im Bereich der Seeschifffahrtsstraßen auch See­zeichen genannt, sind Markierungen, die der Schifffahrt als Navigationshilfen dienen. Typi­sche Schifffahrtszeichen sind Tonnen, Baken, Feuerschiffe und Leuchttürme. In der Frühzeit der Schifffahrt hatten sich die Seefahrer noch mit natürlichen Navigationshilfen, wie der Gestalt einer bestimmten Küstenformation, be- holfen. Aber schon im Mittelalter finden Türme und auch schon schwimmende Seezeichen Ver­wendung.

Die Anfang des 19. Jahrhunderts ständig fortschreitende Versandung der Weser erschwer­te den Warenhandel der bremischen Kaufleute immer gravierender und stellte eine ernsthafte wirtschaftliche Bedrohung für die Hansestadt Bremen dar. Um diese Gefahrdung abzuwenden, verfolgte der damalige Bürgermeister Johann Smidt die Idee, einen seeschifftiefen bremischen Hafen an der Wesermündung zu gründen. Nach zähen Verhandlungen mit dem Königreich Hannover wurde im Jahre 1827 ein Staatsvertrag über den Kauf eines Gebietes an der Geeste­mündung abgeschlossen. Die Hafenanlagen im neugegründeten Bremerhaven nahmen entspre­chend großen Raum bei den Baumaßnahmen zur Errichtung der Stadt ein. Während die Hä­fen im 19. Jahrhundert beständig vergrößert wurden, wuchs auch die Stadt Bremerhaven entsprechend mit, und nicht umgekehrt! Die Hafenbecken waren nicht tideoffen, sondern durch Schleusen verschlossen und besaßen je­weils eine eigene Einfahrt. Um diese anzusteu­ern waren entsprechende Seezeichen nützlich, teilweise - besonders nachts - zwingend notwen­dig. Bei der Markierung von Einfahrten durch Leuchtfeuer spricht man von einem Unter- und einem Oberfeuer, je nachdem, auf welcher Seite

es sich befindet. Diese Signalfeuer gaben auch den vorbeifahrenden Schiffen Orientierung.

Die Gestalt der Seezeichen, besonders die der Leuchttürme, die in stadtnaher Lage auf­grund ihrer Höhe auch eine städtebauliche Wirkung entfalteten, ist im 19. Jahrhundert, wie bei anderen öffentlichen Gebäuden auch, als eine architektonische Aufgabe begriffen worden und entsprechend im Stil der Zeit entstanden. Aber auch die rein nach technischen Gesichts­punkten gestalteten Seezeichen tragen eine aus ihrer historischen Konstruktion erwachsene »technische Schönheit«, die man heute mehr als zum Zeitpunkt ihrer Entstehung empfinden mag.

Der Bremerhavener Loschenturm wurde in den Jahren 1853-1855 errichtet, nachdem sich beim Betrieb des 1852 fertiggestellten Neuen Hafens gezeigt hatte, dass die Schiffe beim An­steuern der Hafeneinfahrt und Schleuse einer Navigationshilfe in Form eines Leuchtfeuers bedurften. Der entwerfende Architekt im Bre­mer Hochbauamt war Simon Loschen, der zu dieser Zeit auch mit der Fertigstellung der »Großen Kirche« (heute Bürgermeister-Smidt- Gedächtniskirche) und der Errichtung des Schwoon'schen Wasserturms betraut war. Lo­schen behandelte diesen Zweckbau wegen seiner beherrschenden Lage neben der Schleuse zum Neuen Hafen als repräsentatives Architektur­werk in neugotischen Formen, mit Strebepfei­lern auf den Ecken, Dreipassfriesen, Staffel­giebeln, Zinnen und Blendnischen. In seiner aufwendigen neugotischen Gestaltung ist der Leuchtturm in Deutschland einzigartig und gehört zu den meistfotografierten Vertretern seiner Gattung hierzulande. Vergleichbar reich gegliedert, wenn auch nicht im neogotischen Stil, ist allenfalls noch der wesentlich später