Heft 
(2016) Bd. 13. Historismus und Gründerzeit I
Seite
8
Einzelbild herunterladen
 

Denkmalpflege in Bremen Heft 13

Georg Skalecki

Stadtentwicklung von gestern versus Stadtzerstörung von heute

Städte veränderten und verändern immer wieder ihr Gesicht im Laufe der Zeit. Diese Verände­rungen sind Ausdruck und Teil von sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Wandlungen, die wichtig für die Zukunftsfähigkeit der Stadt sind und rückblickend über diese Wandlungen Zeugnis ablegen. In dem vorliegenden Beitrag sollen Anmerkungen dazu gemacht werden, wie diese Stadtentwicklungen in der Vergangenheit liefen, besonders die tief greifenden des 19. Jahr­hunderts. Der Bogen soll jedoch gespannt werden bis hin zum aktuellen Trend eines ra­dikalen, zerstörerischen Stadtumbaus, dem Rücksicht auf gewachsene Strukturen fremd zu sein scheint.

Trotz der Veränderungen, die Städte immer wieder erfahren müssen, sollen sie im Sinne ei­ner städtebaulichen Denkmalpflege - ähnlich wie das denkmalgeschützte Einzeldenkmal - ihre Vergangenheit und ihren historischen Wer­degang durch Erhalt von älteren Strukturen erinnerbar halten. Was aber sind diese Struktu­ren, und wie konstituiert sich die Stadt eigent­lich? Natürlich zunächst einmal durch die Sub­stanz der Bauten, die sich in der physischen Präsenz, der Monumentalität der Architektur zeigt. Aber das Bauwerk ist nur ein Teil, ein Mosaikstein in einem größeren Ganzen, wel­ches sich wiederum zusammensetzt auch aus Merkmalen wie Straßen, Wegen, Plätzen, deren geraden Fluchten, deren Versprüngen oder de­ren Einengungen. Es bilden sich durch Blick­achsen, Sichtbezüge oder sonstige Inszenierun­gen räumliche Zusammenhänge. Die einzelne Parzelle, die Größe der überbauten Fläche im Verhältnis zu Hof- oder Freifläche bzw. zum Straßenraum formen ebenso das Bild der histo­rischen Stadt wie die Addition der Parzellen zu Quartieren, deren Ausdehnung, Gestalt und Er­

schließung. Das Verhältnis von Breite zu Höhe, die Proportion und die Maßstäblichkeit sind von Bedeutung. Aus vielen einzelnen Facetten setzt sich so die historische Stadt zusammen. In diesem Mikrokosmos kann es vorkommen, dass das Detail eines Baus von geringerer Bedeutung ist und er durch einen entsprechenden Neubau, der unter Umständen vielleicht sogar stärker die ihn umgebenden Rahmenbedingungen auf­nimmt, ersetzt werden kann. Manchmal kann es sogar sein, dass durch ergänzende Neubauten Reparaturen in gestörten städtebaulichen Zu­sammenhängen möglich werden. Insofern darf sich bei der Behandlung solcher Aufgaben durch die Denkmalpflege der Blick nicht ver­engen auf das einzelne Werk und seine Sub­stanz, sondern man muss gelegentlich das grö­ßere Ganze über das Detail stellen. Dazu ist es notwendig, die bedeutsamen Strukturen eines Stadtorganismus zu erkennen. Deshalb sollen einleitend einige Anmerkungen gemacht werden zur Entstehung der Disziplin »Städtebauliche Denkmalpflege.«

Neben den Städten im engeren Sinne sind es natürlich auch die Vorortsiedlungen und Landschaften allgemein, die sich immer wieder gewandelt haben. Die Städte wuchsen zunächst langsam aber stetig ohne gravierende Brüche. Erst die Industrielle Revolution im 19. Jahr­hundert war es, die schlagartig tief greifende Veränderungen in die bestehenden landschaftli­chen und städtebaulichen Formationen brachte. Der Wandel von der agrarisch geprägten Ge­sellschaft zur Industriegesellschaft hat nicht nur die Städte verändert. Es entstanden nicht ein­fach nur Fabriken als in ihrer großindustriellen Ausprägung neue, bisher unbekannte Bauauf­gaben, sondern der Wandel transformierte die gesamte Struktur der Landschaften. Schienen-