Heft 
(2016) Bd. 13. Historismus und Gründerzeit I
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Barfuß - Handel und Wandel im »Goldenen Zeitalter« Bremens

Karl Marten Barfuß

Handel und Wandel im »Goldenen Zeitalter« Bremens

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Jahrhundertelang verdankte Bremen seinen Reichtum im Wesentlichen Handel und Schiff­fahrt; sie wurden im 19. Jahrhundert auch zur Basis seiner industriellen Entwicklung und sind bis heute prägendes Fundament seiner Wirt­schaft, Gesellschaft und Kultur geblieben. Poli­tisch setzte bis zum Ersten Weltkrieg das durch die Landesverfassung, Wohlstand und Bildung privilegierte Großbürgertum die entscheiden­den Akzente; erst mit der späten Industrialisie­rung Bremens erstarkte rasch auch die Arbeiter­bewegung, die der bürgerlichen Herrschaft den Rang streitig zu machen begann und bereits 1890 mit Julius Bruhns (1860-1927) einen eige­nen Abgeordneten in den Reichstag entsandte.

Auf die wirtschaftliche Blütezeit in der zwei­ten Hälfte des 18. Jahrhunderts mit dem Nord­atlantikhandel als Schwerpunkt folgte im 19. Jahrhundert der Einfuhrhandel mit Roh­stoffen wie Tabak, Baumwolle, Kaffee, Reis, Tropenholz, Petroleum und Wolle, von denen, besonders seit dem Zollbeitritt Bremens 1888, ein nicht unerheblicher Teil in der Hansestadt selbst weiterverarbeitet wurde. Mit dem Zoll­beitritt begann für Bremen ein »Goldenes Zeit­alter«, in dem sich neben Handel und Schiff­fahrt neue Gewerbe und Industrien erfolgreich entwickeln konnten und die Einwohnerzahl in die Höhe schoss. Bis dahin war Bremen im In­teresse seines Überseehandels noch über die Gründung des Kaiserreichs (1871) hinaus Zoll­ausland geblieben, umgeben von wachsenden Zollmauern des Deutschen Zollvereins zum Schutz vor allem gegen die englische Konkur­renz, die zugleich den Export bremischer Fer­tigerzeugnisse in das Kaiserreich erschwerten. Die verspätete Industrialisierung Bremens er­wies sich allerdings insofern als Vorteil, als die neu gegründeten Unternehmen mit modernster

Technologie ausgestattet waren und sich da­durch ihre Konkurrenzfähigkeit sicherten.

Einen wesentlichen Einschnitt für die Ent­wicklung der bremischen Wirtschaft bedeutete zunächst die Auflösung des alten Deutschen Reichs: Durch den Reichsdeputationshaupt- schluss (1803) konnte sich Bremen kurzzeitig seine handelspolitische Neutralität sichern; zu­gleich wurde die Stadt territorial erweitert und vereinheitlicht. Nachdem Bremen noch 1806 der Titel einer »Freien Hansestadt« zugesichert worden war, verlor die Stadt jedoch noch im selben Jahr durch die französische Besetzung ihre Souveränität wieder und wurde politisch degradiert. Die von Napoleon 1806 verfugte Kontinentalsperre schnitt Bremen bis 1814 von seinen überseeischen Märkten ab und raubte der Stadt die wirtschaftliche Basis. Handel, Ge­werbe und Schifffahrt erlebten eine existentielle Krise, die längere Zeit ihre Spuren hinterließ.

Nach der von Frankreich verlorenen Völker­schlacht bei Leipzig im Oktober 1813 zogen die napoleonischen Truppen aus Bremen ab. Auf dem Wiener Kongress wurde 1815 der Deutsche Bund als Staatenbund gegründet; durch die geschickte Politik des Bürgermeisters Johann Smidt (1773-1857) konnte Bremen seine Selbständigkeit wiederherstellen und gleich­zeitig seine territorialen Erweiterungen sichern; im Innern blieben die politischen Verhältnisse jedoch weitgehend restaurativ. Münz- und Post­wesen verblieben ebenso in der Hoheit der einzelnen Territorien wie die Handelspolitik. Als Erste nutzten die süddeutschen Bundes­staaten diese Autonomie zur Einführung von Schutzzöllen durch Bildung eigener Zollver­bände; 1834 wurde dann in Regie Preußens der Deutsche Zollverein gegründet, in dem die süd­deutschen Zollunionen aufgingen und dem

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