Zweites Kapitel.
Die ökonomische und politische Veränderung in Rußland.
er Zuschnitt unserer Existenz war seit dem Frankfurter Frieden auf die Möglichkeit des Krieges mit zwei Fronten, nach Osten und Westen, eingerichtet, wobei in erster Linie natürlich an die Kombination Rußland-Frankreich zu denken war. Es schwebte aber dabei die Möglichkeit des Hinzutritts einer dritten Macht, vor allen Dingen Österreichs, zu einem antideutschen Bündnis stets drohend am Himmel. „In dieser Situation", schreibt Bismarck („Gedanken und Erinnerungen", II. 233 ff), „lag die Aufforderung zu dem Versuch, die Möglichkeit der antideutschen Koalition durch vertragsmäßige Sicherstellung der Beziehungen zu wenigstens einer der Großmächte einzuschränken. Die Wahl konnte nur zwischen Österreich und Rußland stehen, da die englische Verfassung Bündnisse von gesicherter Dauer nicht zuläßt und die Verbindung mit Italien allein ein hinreichendes Gegengewicht gegen eine Koalition der drei übrigen Großmächte auch dann nicht gewährte, wenn die zukünftige Haltung und Gestaltung Italiens nicht nur von Frankreich, sondern auch von Österreich unabhängig gedacht wurde." Bismarcks Wahl fiel nicht auf Rußland, sondern auf Österreich, wiewohl er, wie er selbst an anderer Stelle schreibt, das Bündnis mit Rußland sowohl wegen der militärischen Machtmittel Rußlands als auch wegen der Schwierigkeiten, die aus der nationalen Zusammensetzung Österreichs und aus der Möglichkeit klerikaler Beeinflussung der österreichischen Politik erwachsen konnten, für das materiell stärkere hielt. Ausschlag gab die Erwägung, daß die Bindung an Rußland, dem dann die Beziehungen zu allen anderen europäischen Mächten mehr oder weniger