Druckschrift 
Bremen als Auswandererhafen 1683 - 1880 / Rolf Engelsing
Entstehung
Seite
166
Einzelbild herunterladen
 

einem Reisebericht,die Medizinskiste apen un de Ogen dicht un sän: Gott segne den Griff! un wat wi denn to faten kreegen, hulp ok meist heel good. Gefährlige Saken weern dar nich in." Nachteiliger als ein derartiges Vorgehen waren das Zusammenhocken vieler Menschen in schlecht ge­lüfteten und überhitzten Räumen, die Ausdünstungen der Ladung und des Schiffsholzes, Mangel an Reinlichkeit und Gleichgültigkeit unter den Reisenden. Cholera, Typhus und Blattern bildeten die gefährlichsten Krank­heiten. Sie forderten hauptsächlich unter Neugeborenen und Kleinkindern ihre Opfer, die sich, wenn sie einmal hinfällig geworden waren, selten wieder erholten 401 ). Das meiste Aufsehen erregte 1867 ein Auswanderer­schiff des Hamburger Reeders Sloman, auf dem ein Fünftel der Fahrgäste während der Reise nach New York umkam, ohne daß dieses aber das einzigeTotenschiff" gewesen wäre. Im Durchschnitt rechnete man in Bremen um 1850 mit einer Mortalität von ein bis drei Prozent an Bord. Von 1865 bis 1873 starben auf bremischen Dampfern 190 von 26 000, auf Seglern 820 von 100 000 Reisenden, womit man kaum günstiger als in anderen Einschiffungshäfen dastand. Zwei nützliche Neuerungen führte der Lloyd ein, indem er die ersten Ärzte anstellte und auf seinen Dampfern Hospitalzimmer einrichtete, die seit 1868 auch für Segelschiffe obligatorisch wurden. Hier handelte es sich freilich nur um einen abgeteilten Verschlag im Zwischendeck, der wenig nützte, weil die Anstellung von Schiffsärzten auf Seglern an der Höhe der Unkosten scheiterte.

Ähnlich primitiv ging es bei der ärztlichen Versorgung in Bremerhaven zu. Anfangs achteten die Expedienten nur darauf, sich vor kranken Fahr­gästen zu schützen, um Strafgelder der amerikanischen Einwanderungsbe­hörden zu vermeiden. Untersuchungen fanden höchstens vereinzelt statt. 1850 richtete das Auswandererhaus eine Krankenabteilung ein. Der Stadt- physikus With in Bremerhaven drängte wiederholt auf die Gründung eines ärztlichen Dienstes für Reisende, dessen Notwendigkeit 1853 anläßlich einer Choleraepidemie, die unter den Auswanderern fünfmal so viele Opfer forderte wie unter den Einwohnern von Bremerhaven, besonders deutlich zutage trat 462 ). Um den Wünschen des Norddeutschen Bundes zu genügen, bequemte sich der bremische Staat schließlich dazu, gesetzlich zu verfügen, daß die Fahrgäste vor der Einschiffung untersucht, die Medizinkisten der Schiffe überprüft, gesundheitsgefährdende Ladungsgüter ausgeschlossen und sorgfältige Desinfektionen durchgeführt würden. Zwei Ärzte fanden nebenamtlich Anstellung. Ihre Untersuchungen fielen allerdings meist nur

401 ) E. Laurent, Über die Gesundheitspflege auf Seeschiffen, Bremen 1868, S. 6 f.; Die Jahresberichte der Deutschen Gesellsdiaft in New York 1866-1869 ver­zeichnen 34 bremisdie Schiffe mit Kranken. Fish, Sickness, S. 21, 30, 95, 108.

402 ) O. H. With, Die Gesundheitspflege auf Seeschiffen, Bremerhaven 1858; Deut­sche Auswandererztg. 1, 1854.

166