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Bremen als Auswandererhafen 1683 - 1880 / Rolf Engelsing
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Wechselgeschäfte 43 °). Das Nachweisungsbureau verpflichtete sie nach lan­gem Hin und Her, keine Trinkgelder zu zahlen und Quittungen auszu­stellen. Seitdem verstummten die Meldungen über Tauschbetrug. Trotzdem ließ es sich aber nicht verhindern, daß sich der Leichtsinn, mit dem die Reisenden Tausende dahin trugen, wohin man sie schickte, noch häufig rächte 437 ). Falschgeld machte die Runde, mancher ließ sich mit Wechseln abspeisen, die entweder ungedeckt waren oder unsinnige Zahlungsfristen vorsahen. Die Beschwerden richteten sich am häufigsten gegen die klei­neren Wechsler, aber auch von den großen bremischen Überseehäusern war bekannt, daß sie die Kurse nach eigenem Ermessen festsetzten 438 ).

So gut das Nachweisungsbureau es konnte, arbeitete es daran, Übel durch gerades Vorgehen zu beseitigen. Das führte nicht immer zu einem eindeutigen Erfolg, da der Betrieb kompliziert war und selbst grobe Mißstände seine Funktionsfähigkeit am Ende weniger lähmten als bestä­tigten. In der Absicht zu bessern, tat das Institut daher manchen Fehlgriff, der seinerseits so viele Störungen verursachte, daß es ratsamer gewesen wäre, man hätte die Angelegenheit ruhen lassen. Als z. B. seit 1850 amerikanische Eisenbahngesellschaften dazu übergingen, ihre Fahrkarten auch in Deutschland anzubieten, erwirkte das Büro wiederholte gesetzliche Verbote, um Pressekampagnen, die sich an den einschlägigen Untaten von Agenten entzündeten, propagandistisch wirkungsvoll entgegenzutreten. Einen Erfolg versprach man sich aber von vornherein kaum, da das System allgemein beliebt und im großen und ganzen auch zweckmäßig war. Die Expedienten konnten oft nicht umhin, das Verfahren unter der Hand fortzusetzen, weil ihnen sonst manche Reisende entgangen wären. Als es bereits zu spät war, durchschaute auch das Nachweisungsbureau, daß die Betrugsversuche nur deshalb über Gebühr aufgebauscht worden waren, weil das System einer Gruppe von Interessenten in den USA gegen den Strich ging. Der Kartenverkauf ließ sich denn auch gar nicht unterdrücken, und besonders der Norddeutsche Lloyd begann damit in großem Stil zu arbeiten, um nicht vollständig auf die russischen Auswan­derer verzichten und sie der Red-Star-Line in Antwerpen oder der Inman- Line in Liverpool überlassen zu müssen. Laut Vertrag mit der Erie Rail Road übernahm er durch Koppelung von See- und Landreise die Beför-

1881 führten etwa 200 000 Auswanderer 30 Millionen Mark über Bremen aus: Verhandlungen des 22. Congresses für innere Mission zu Bremen, Ham­burg 1881, S. 121. Die Spczialfirmen waren T. Miesegaes, Carl Ludwig Be- necke, J. Schultze & Wolde, S. Cohen, G. C. Mecke & Co., Friedrich H. West­hoff, Carl F. Plump, Franz Hermann Abbes & Co., G. H. Krauß, Rosen­kranz & Abraham, E. C. Weyhausen, L. Wienken.

4 ") Der Reeder Köncke konstatierte 1854 (AHB: A. III. 1. A. Nr. 142):Hier werden die Leute oft genug über den Löffel barbiert."

438 ) AHB: ad A. I. 15.; A. I. 1853. Nr. 185.

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