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Bremen als Auswandererhafen 1683 - 1880 / Rolf Engelsing
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einsah, daß der Lloyd selbst dann, wenn es noch mißlicher kommen sollte, erhalten werden mußte,damit die Zahlen in unsern Passagierlisten nicht verringert werden" 325 ). 18 6 5 ging der Inhaber einer Annahmefirma sogar so weit, in der Bürgerschaft zu erklären, ohne den Lloyd besäße Bremen kein nennenswertes Auswanderergeschäft mehr 320 ). Es drohte, durch die Hamburg Amerika-Linie vernichtet zu werden, und wäre unweigerlich zusammengebrochen, wenn die Erkenntnis, daß das Wohl Bremens mit dem Interesse der Firma zusammenfiel, dem Verwaltungsrat nicht Ausdauer und Rückhalt in der Öffentlichkeit verschafft hätte. Einen Augenblick trat die Sorge um die Rentabilität völlig hinter der wirtschaftspolitischen Notwendigkeit zurück. Zwar mußte man der Hamburg Amerika-Linie vorläufig einen Vorsprung überlassen, wußte aber trotz verlustreicher Ab­schlüsse so viele Prioritätsanleihen für Neubauten unterzubringen, daß der Anschluß gewahrt blieb. Daß sich das Kapitalkonto unverhältnismäßig aufblähte, nahm man in Kauf. Als die schlimmsten Jahre überwunden waren, änderte die Verwaltung diese Politik keineswegs, sondern nahm weitere Anleihen auf und steckte Uberschüsse sogleich von neuem in den Betrieb, um Bremens Führung im Nordatlantikverkehr wieder auszubauen. Aktionären, die lieber Dividenden erhalten hätten, machte man kaum ein Hehl daraus, daß diese Maßnahmen sich nach den Interessen Bremens richteten und daß Teilhaber, die sich von einem reinen Firmenegoismus mehr versprächen, sich damit abzufinden hätten. Es gelang dem Lloyd, die Auseinandersetzung mit Hamburg zugunsten des bremischen Auswanderer­geschäfts zu entscheiden. Zwar fiel Bremen, das 1853 in 274 Seglern und 14 Dampfern 58 000 Fahrgäste beförderte, während Hamburg in 123 Seg­lern 19 000 verschiffte, 1862 mit 15 000 in 106 Seglern und 16 Dampfern hinter die Schwesterstadt zurück, die demgegenüber 18 000 in 58 Seglern und 26 Dampfern aufwies, übertraf aber 1871 Hamburg erneut mit 61 000 Auswanderern in 92 Seglern und 111 Dampfern gegenüber 35 000 in 33 Seglern und 59 Dampfern um fast das Doppelte 327 ).

Ebenso erfolgreich verlief der Kampf gegen eine Vereinigung amerika­nischer Reeder, die es 1865 unternahm, dem Lloyd einen Teil des bremi­schen Dampferverkehrs mit New York zu entziehen. Um ohne Aufsehen einzuschlüpfen, borgte sie vom Ansehen ihres Wettbewerbers, indem sie sich den NamenNordamerikanischer Lloyd" beilegte. Obwohl sie aber an einen Markt trat, von dem täglich und stets wachsend Frachtgüter und Passagiere nach England abgelenkt werden, weil die vom Norddeutschen Lloyd gebotenen Beförderungsmittel noch dem Bedarf nicht entsprechen",

:!25 ) Deutsche Auswandererztg. 3, 1860.

32s ) Verhandlungen der Bremischen Bürgerschaft 1866, S. 55; vgl. Otto Finsch u.

Moritz Lindeman, Der Norddeutsdie Lloyd, Leipzig 1873, S. 51. 327 ) Berichte des Hamburger Nachweisungsbureaus für Auswanderer 1855 ff.

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