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Auf dem Missionspfade in Deutsch-Ostafrika : von Sansibar zum Kilimandscharo : Reise-Bericht gewidmet den deutschen Katholiken / von P. Theophil Schneider, C.S.Sp.
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das Fleisch. Stirbt der Kranke, so müssen auch wieder zwei Ziegen ins Totenreich wandeln. Das Fleisch bekommen die, welche den Toten beweinen müssen, wie ich glaube, damit sie mehr Kräfte zum Schreien und Wehklagen bekommen. Auch am Jahrestage des Todes des Heimgegangenen stiert die Familie ein kleines Fest, wo auch wieder eine Ziege verspeist wird. Will ein Mteita einen hohen Fremden begrüßen, so sührt er ihm immer eine Ziege entgegen. Wird jemand auf offener That des Diebstahls oder Ehe­bruchs ertappt, so befriedigt er die geschädigten Personen mit einer gewissen Anzahl Ziegen. Wollen die jungen Wateita einen Jagd- oder Kriegszug unternehmen, so werden zuerst Ziegeu geschlachtet uud gegessen; denn Ziegen­fleisch, meinen sie, macht stark und giebt Mut. Kurz, in allen glücklichen und unglück­lichen, fröhlichen und traurigen Momenten des Lebens eines Mteita spielt das harmlose Tier, das man Ziege nennt, eine wichtige Rolle.

Die Wateita stehen im Ackerbauwesen noch sehr tief. Sie verlegen sich nur auf solche Pflanzungen, welche fast keine Arbeit verlangen. Gepflanzt werden fast nur Bananen, Zuckerrohr, Süßkartoffeln, Bohnen und Kür­bisse. Die Felder sind in den Thalsohlen angelegt, während die Dörfer nur auf und an den Bergen liegen. Früher bewohnten die Wateita die fruchtbare Matate-Ebene und die weiten Thäler längs des Mkameni. Da sie aber wiederholt von den plündernden Massai-Hordcn heimgesucht wurden, zogen sie sich auf die Berge zurück. An den dürren Abhängen der Berge konnten jedoch die Pflanzungen nicht gedeihen, uud so blieben die Felder in der Ebene. Früh morgens steigen Weiber und Kinder von den Höhen herunter und begeben sich in die oft stunden­weit entlegenen Felder, um spät abends wieder den Berg zu erklettern. Der Feldbau füllt gauz den Weibern und Kindern anheim. Der männliche Mteita sieht es als eine Schmach an, zu arbeiten. In der letzten Zeit jedoch hat ihn die Not oft dazu gezwungen, sich bei durchziehenden Europäern als Trüger

einzustellen. Aber sämtliche Europäer haben die bittere Erfahrung gemacht, daß die Wateita zum Trägerdienst nicht taugen. Mit 55 Pfund die Wanjamwesi tragen 70 bis 80 Pfund hat ein Mteitatrü'ger schon zu viel. Jede halbe Stunde möchte er ausruhen uud essen. Will ihn dann der Karawanenführer vorwärts treiben, so legt er sich hin auf seine Last und sagt mit dem gelassensten Ton von der Welt:Schlage mich, du hast Recht; töte mich, du hast Recht, aber ich kann nicht weiter."

Das Lieblingsgeschäft des Mteita ist die Jagd. Bewaffnet mit Pfeil und Bogen, an der Hüfte das kurze, zweischneidige Schwert, begiebt er sich mit seinen Altersgenossen hinaus in die weite Steppe und liegt dem edlen Waidwerk ob. Man gräbt Gruben, stellt Fallen, legt Schlingen und lauert mit vergifteten Pfeilen in der Nähe einer Quelle, wo das Wild am Abend seinen Durst zu löschen pflegt. Ich wohnte eines Tages dem Nachsuchen der Gruben bei. Dieselben dehnten sich auf eine Länge von sieben Kilometer aus; auf diese Strecke kamen mindestens achtzig Gruben. Dieselben sind sehr tief, oben breit, und verschmälern sich ^ langsam nach unten, wo sie so schmal sind, daß auch die kleinste Antilope im Fallen nicht den Boden zu erreichen vermag. Die Gruben sind sorgfältig mit Reiser und Gras" bedeckt. Zwischen den einzelnen Gruben, die sich auf einer Linie befinden, wird ein Verhau von Sträuchern und Dornen geschaffen, so daß das Wild zum Passieren nur diejenigen Oeffnuugen wählen kann, wo sich.Gruben befinden. Das Ergebnis obiger Nachsuchung, der ich beiwohnte, war die Erbeutung einer jungen Giraffe, einer alten Löwin und dreier gewöhnlichen kleinen Antilopen. Alle Tiere waren lebend, nur eines hatte ein Bein ge­brochen. Fällt ein Tier in die Grube, so findet es sich gefangen zwischen den Rippen und liegt fest wie in einem Schraubstock. An einen Sprung oder an ein Emporarbeiten ist nicht zu denken, weil die Beine des Tieres keine Stütze finden. Jede Kraftanstrengung,

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