Denkmalpflege in Bremen Heft 5
Rolf Kirsch
Neu unter Schutz gestellte Kulturdenkmale
Ehemaliges Rathaus Hemelingen, Rathausplatz 1
Der rasche Wandel des preußisch-hannoverschen Bauerndorfes Hemelingen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem wichtigen Industrievorort Bremens fand seinen Ausdruck auch im Bau eines neuen Gemeindehauses im Jahr 1906. Das repräsentative, städtisch anmutende Gebäude symbolisierte den gestiegenen Verwaltungsaufwand und die Pro- fessionalisierung der Ortsverwaltung in Hemelingen. Es entstand im Zuge der Neuerung, dass ab 1903 erstmals ein hauptamtlicher Gemeindevorstand, ab 1922 mit dem Titel eines Bürgermeisters, die Verwaltung des Ortes leitete. Zuvor war die gemeindliche Selbstverwaltung Hemelingens noch ausschließlich ehrenamtlich oder nebenamtlich organisiert gewesen.
Den Entwurf zu dem neuen Gemeindehaus, später auch Rathaus genannt, lieferte der Architekt Hofbaurat Wilhelm Mackensen (1869-1955) aus Hannover. Er schuf ein in seiner Grundausrichtung einfaches, aber repräsentatives und gut proportioniertes Gebäude. Es war als verputzter zweigeschossiger, traufständiger und aufgesockelter Massivbau mit strenger Fassadensymmetrie, wuchtigem Mittelrisalit und hohem Krüppelwalmdach konzipiert. Ein mittiger Dachreiter und der von wehrhaft wirkenden halbrunden Ecktürm- chen flankierte, von einem stilisierten Schweifgiebel bekrönte Portal-Mittelrisalit betonten die Würde des Bauwerks als Gemeindehaus. Insgesamt klang die Formensprache der sogenannten Deutschen Renaissance nur noch in stark reduzierter Form an; es entstand kein im strengen Sinne historistischer Bau mehr. Da-
84
mit war Mackensens Entwurf auf der Höhe der Zeit. Im Erdgeschoss waren um eine geräumige Eingangshalle die Geschäftszimmer der Gemeindeverwaltung, der Sitzungssaal der Gemeindevertretung und das Büro des Standesamtes untergebracht, das Obergeschoss beherbergte ursprünglich die standesgemäß große Wohnung des Gemeindevorstehers. Das Bauwerk wurde am Rande eines großen freien Areals errichtet, das seit 1902 als Markplatz angelegt worden war und bis 1935 als Fläche für Jahrmärkte, Feste und Sportveranstaltungen diente.
Schon bald entsprach das neue Gemeindehaus den gestiegenen Raumansprüchen der Verwaltung nicht mehr. 1926 wurde es an einer Seite unter Beibehaltung der bisherigen Architektursprache beträchtlich verlängert, wodurch es zwar seine Symmetrie verlor, aber weiterhin ein harmonisches Erscheinungsbild bot. Es entstand unter anderem ein großer Sitzungssaal im Obergeschoss. Mitte der Dreißigerjahre führte erneut gestiegener Platzbedarf zur Auflösung der bisherigen Bürgermeister-Dienstwohnung, die für eine Erweiterung der Büroflächen genutzt wurde.
1939 erfolgte die Eingemeindung Hemelingens nach Bremen; damit endete nach nur 33 Jahren Nutzungsdauer die Funktion des Gebäudes als Sitz der selbstständigen Gemeindeverwaltung Hemelingens. In den Kriegsjahren wurde der Dachreiter beseitigt, um Platz für einen Flak-Stand zu schaffen, er wurde nie wieder neu errichtet. Einige weitere Beeinträchtigungen des äußeren Bildes sind inzwischen hinzugekommen, die aber den hauptsächlich heimatgeschichtlich begründeten Denkmalwert nicht infrage stellen. Seit der Nachkriegszeit diente das Rathaus bis in die Gegenwart