Ä'as deutsche Volk hat im Laufe der letzten hundert Jahre annähernd sechs Millionen seiner Stammesangehörigen über den Ozean ziehen lassen. Soziale und wirtschaftliche Not hat sie aus der alten Heimat getrieben; eine bessere Zukunft für sich und ihre Kinder erhofften sie im überseeischen Neuland. Die den Deutschen einmal innewohnende Wanderlust und die sich verrollkommnenden Besörderungsgelegenheiten erleichterten den Entschluß zur Auswanderung.
Zweimal schwoll der Auswanderungsstrom zu mächtigen Fluten an. 3n den fünfziger Zähren des vorigen Zahrhunderts war im Westen und Südwesten Deutschlands, im Rheinland, Hessen, der Pfalz, Baden, Württemberg, Teilen Bayerns die Spaltung des Grundbesitzes an der Grenze des für die Erhaltung eines selbständigen Bauerntums zulässigen Mindestmaßes angelangt; die Gewerbetätigkeit nahm noch eine schwache Entwicklung und konnte dem ländlichen Bevölkerungsüberschuß keine hinreichende Beschäftigung bieten. Zn den ost- elbischen Ländern war wohl Boden genug, eine wachsende Bevölkerung zu ernähren; er war aber im Großgrundbesitz derart festgelegt, daß eine Ansiedelungsmöglichkeit nicht bestand; zudem sträubte sich der sich der großen Massen bemächtigende Freiheitsdrang gegen die durch das ländliche Dienstverhältnis bedungene persönliche Gebundenheit. Aus Fritz Reuters ergreifender Schilderung «Kein Hüsung" (Kein Heim) sind die damaligen Verhältnisse allgemein bekannt, die, trotzdem in diesen Gebieten von einer Übervölkerung nicht wohl die Rede sein konnte, keinen Raum gewährten, einen selbständigen Haushalt auf dem Lande zu gründen. Die Angunst der poli-
Moltman«, Deutsche Siedelung. 1