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Deutschlands koloniale Not ; Im Auftr. d. Kolonial-wirtschaftl. Komitees / verf. von [Oskar] Karstedt
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Kolonien als Machtsakkoren

ist klar, daß die wirtschaftliche Seite die Frage der Kolonial- WM politik nicht restlos erschöpfen kann. Gerade der Krieg hat uns mit dem Hineintragen der Kämpfe in unsere ungeschützten Kolo­nien bewiesen, daß der machtpolitischen Bedeutung des Kolonialbesitzes in Zukunft größere Bedeutung beigelegt werden muß. Es ist bekannt, daß, abgesehen von Kiautschou, das aber in dieser Beziehung kaum als Ko­lonie anzusprechen ist, keines unserer Schutzgebiete auch nur im geringsten auf einen europäischen Angriff eingerichtet war. Für die afrikanischen Schutzgebiete oder wenigstens die Mehrzahl von ihnen galt es als durch die Kongoakte festgelegtes Axiom, daß niemals ein Staat frevelhaft genug sein würde, um den beherrschten Eingeborenen das Bild ihrer sich zerfleischenden Herren von gestern zu bieten.

Darüber hinaus aber hat sich auch gezeigt, daß wir in Zukunft uns nicht darauf beschränken können, die Kolonien nur fähig zur Verteidigung zu machen, sondern daß wir sie außerdem zu Stützpunkten deutscher Macht insofern machen müssen, als sie geeignet sein sollen, ihrerseits auch Streitkräften als Stützpunkt zum Angriff zu dienen. Hierbei kommt naturgemäß in erster Linie ihr Zusammenwirken mit der Marine in Betracht.

Geben wir uns keinen Täuschungen darüber hin: Unsere bisherige Flottenpolitik war eine Halbheit. Auch wir halten an der Forderung nach einer starken deutschen Flotte fest. Nach den Erfahrungen des jetzigen Krieges mehr denn je! Aber dann kommt es nicht nur auf das Vorhandensein von Schiffen an, sondern auch darauf, daß wir diesen Schiffen in Übersee auch Stützpunkte und Stationen auf deutschem Grund und Boden geben. Die Lehre hat uns doch das Schicksal unserer Aus­landsflotte deutlich genug gezeigt, daß der Auslandskreuzergedanke wesentlicher Grundbedingungen ermangelte, weil wir unseren Schiffen in dem Augenblick, als sie ihre eigentliche Tätigkeit beginnen sollten, gleichsam den Boden nicht mehr bieten konnten, der ihnen Rückhalt und Stütze geben mußte. Nicht einmal ausreichende Docks, in den Tropen doppelt notwendig, standen ihnen in unseren Kolonien zur Verfügung, ganz zu schweigen von Werkstätten, Munitionslagern usw. So konnte ihr Schicksal nur der Untergang sein; ein ruhmvoller zwar, aber einer, der auf den Gang der Ereignisse ohne wesentlichen Einfluß blieb.