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Deutschlands koloniale Not ; Im Auftr. d. Kolonial-wirtschaftl. Komitees / verf. von [Oskar] Karstedt
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Einleitung.

wird erzählt, daß bei einem Besuch, den Journalisten aus den neutralen Ländern kürzlich Süddeutschland abstatteten, einer der neutralen Presseangehörigen zu einem Großindustriellen, der vor dreißig Jahren mit einem Arbeiter anfing und heute einem der größten Werke Deutschlands vorsteht, unvermittelt gesagt habe:Sie sind auch schuld daran, daß Deutschland im Krieg mit England liegt!" Auf die erstaunte Frage des Industriellen, wie er eine solche Behauptung be­gründen wolle, habe ihm der Journalist geantwortet:Hätten Sie und Ihresgleichen sich in jungen Jahren in England niedergelassen und Ihre Erfindungen und Entdeckungen für England gemacht, dann würden jetzt ein halbes Dutzend Lords und andere vornehme Herren die von Ihnen erarbeiteten Dividenden einstecken. So aber entgeht den Herren in England der Gewinn, und sie nehmen in dem Maße weniger ein, als es Ihnen und Ihren deutschen Kollegen gelingt, die Käufer des Auslandes an sich zu ziehen."

Mag in dieser These noch so viel Übertreibung stecken, so ist nicht zu verkennen, daß auch ein großer Teil Wahrheit in ihr enthalten ist. England ist es gewohnt gewesen, seine Heimat mehr und mehr zum Rentnerstaat sich auswachsen zu sehen, für den die halbe Welt fronen mußte. Was es nicht selbst hervorbrachte, dafür wollte es wenigstens den Maklergewinn einstreichen, denn der Begriff des Gentleman um­faßt nicht zuletzt diejenige Klasse von Personen, die, ohne selbst tätig in der Arbeit zu sein, von der Arbeit von Millionen von Menschen auf den Plantagen Indiens, den Minen Südafrikas, den Schäfereien Australiens und in den Fleischfabriken Südamerikas lebt. So lange England der große Umschlagsplatz für Europa war, an dem Riesen­gewinne durch den Maklerverdienst eingestrichen wurden, so lange hatte es keinen Anlaß, in der Arbeit anderer Staaten eine Gefahr für sich selbst zu erblicken. Das ist anders geworden. Namentlich in Deutschland hat man sich mehr und mehr unabhängig von dem Despoten des Weltmarktes, wie ihn Karl Marx einmal nennt, zu machen ver­sucht, und obendrein war Deutschland zum schärfsten Konkurrenten auch in der Lieferung an fremde Länder geworden. Nur widerstrebend hat England es immer zugelassen, daß Märkte wie London, Liverpool usw. ihres Eharakters als Monopolmärkte entkleidet wurden: es sei in dieser