Drittes Kapitel.
Die russische Krisis.
Ls ist ein sehr merkwürdiges historisches Zusammentreffen — und die zukünftige Geschichtsschreibung des Zeitalters der Jahrhundertwende wird sicher mit allem Nachdruck dabei verweilen — daß zu derselben Zeit, wo in Deutschland die ersten leisen Regungen eines weltpolitischen Bewußtseins auftauchen, wenn auch noch nirgends von einer bewußten Formulierung die Rede ist und selbst die Persönlichkeit des Kaisers für die Öffentlichkeit noch keine erkennbar nach dieser Richtung deutenden Züge ausweist, Rußland mit einem, man könnte beinahe sagen plötzlichen Ruck weltpolitische Ziele aufnimmt. ^
Während des s8. und bis zum Beginn des Jahrhunderts gelang es der russischen Macht, die ihr von der Natur gezeichneten Grenzen gegen Lüden hin zu erreichen und nach Westen hin, dank einer ganz besonders günstigen Gestaltung der politischen Verhältnisse, durch die Aufteilung Polens und' die Aneignung von Finnland so weit vorzudringen, wie die zwingenden Lebensinteressen Oesterreichs, Preußens und Schwedens es nur noch irgend zuließen. Trotz seiner gewaltigen Ausdehnung trug das Reich aber damals doch wesentlich nur die Züge einer großen osteuropäischen Kontinentalmacht mit einer quantitativ zwar ungeheuren, qualitativ aber allmählich bis zur völligen wertlosigkeit sich verringernden Forterstreckung in das unbewohnte und unwirtschaftliche Nordasien hinein. Die Bedeutung der Besitzungen jenseits des Ural ist noch um die Mitte des O-Zahr- hunderts, namentlich im Vergleich zu ihrer räumlichen Masse, für die internationale Machtstellung Rußlands eine sehr beschränkte, wiewohl sich natürlich von Anfang an gewisse praktisch-materielle Vorteile aus ihnen ergaben. Obwohl Rußland schon seit Anfang des s7. Jahrhunderts an Lhina grenzte und wenige Jahrzehnte darauf an das