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Das tropische West- und Mittel-Afrika / von Franz Thorbecke
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Franz Thorbecke:

fern, ohne Verbindung mit der deutschen Küste; aber schon die bloße Tatsache ihrer Erwerbung hat die widersinnige Grenzführung früherer Verträge beseitigt, deren Ergebnisse die Franzosen mit deutlichem Spottle fameux triangle de Caprivi" nannten. Am Benue, am Kebbi und an den Logone-Flüssen umschließt die Ostgrenze von 1911 vernunftgemäß und eigentlich selbstverständlich die östlichen Lamidate und die ihnen Untertanen Negerstämme von Adamaua, das damit mit Ausnahme seiner einstigen Hauptstadt Yola, die den Eng­ländern verbliebganz deutsch geworden ist. Daß aber die Sanga- und Ubangi- Zipfel, mit ihren lächerlich schmalen Uferstrecken an den beiden großen Strömen bei Bbnga und Singa, im Kriegsfall nur den papiernen Schutz der allerdings 1911 feierlich erneuten Kongo-Akte besaßen, also bei Eröffnung von Feind­seligkeiten durch die Franzosen sofort verloren gehen mußten, machte ihren Zukunftswert fast illusorisch. Die offene Kritik an den unleugbaren Schwächen dieserZipfelpolitik" hätte von ihren manchmal allzu eifrigen Verteidigern 1 ) nicht die Abfertigung von oben herab verdient,daß bei uns noch wenig Ver­ständnis für große Weltverkehrs- und Weltwirtschaftsfragen vorhanden sei". Nach den bishei-igen Erfahrungen des Kolonialkriegs in West-Afrika wird allerdingsKolonialpolitik, die nur Land zusammenrafft, zum Trödelgeschäft", wenn nicht hinter ihr die tatsächliche Macht steht, es gegen jeden Feind zu be­haupten. Davon waren wir im tropischen West-Afrika leider beim Ausbruch des Weltkriegs weit entfernt. Festzustellen, wen die Schuld daran trifft, ist nicht unsre Aufgabe, würde auch an den Tatsachen gar nichts ändern. Aber daß den Franzosen und Belgiern hier im Westen die Gunst des großen, in sich geschlossenen Baumes mit seinen Wasserstraßen ebenso zu gute kam, wie den Engländern, lehrt ein Blick auf die Karte. Wir waren in Kamerun ebenso isoliert, wie in den andern deutschen Kolonien; jede war auf sich allein an­gewiesen, vereinsamt zwischen Feinden oder meist unzuverlässigen Neutralen.

Die europäischen Kolonialmächte in der Kongozone.

Zwischen unsern Besitz im Westen und Osten des tropischen Afrika schiebt sich der belgische Kongo als Erbe des gerade vom deutschen Beich zuerst zur Anerkennung gebrachten Kongostaates. Bis vor einem Jahr erhoffte man bei uns eine deutsch - belgische Interessengemeinschaft in Mittel-Afrika 2 ). Wenn wir schon auf den politischen Traum eines großen deutschen Kolonialreichs in den afrikanischen Tropen verzichtet 3 ) hatten, die Schaffung eines gemeinsamen deutsch-belgischen Wirtschaftsgebiets vom indischen Ozean zum atlantischen, die Vollendung der fast fertigen ersten Überlandverbindung quer durch den afrikanischen Kontinent von Ost nach West, einer künftigen Linie des Welt­verkehrs, die unabhängig von englischer Kontrolle bleiben sollte, die Erschließung des gewaltigen Kongobeckens von Osten her das Alles schienen uns Ziele

1) Zu ihnen zählt auch Emil Zimmermann: Die ostafrikanische Zentral­bahn, der Tanganjikaverkehr und die ostafrikanischen Finanzen. 1911. S. 52/53.

2) Vgl. Hänsch: Die Aufteilung Afrikas. G. Z. XVIII. 1912. S. 382ff., 385ff. Emil Zimmermann: Was ist uns Zentral-Afrika? 1914.

3) Denn im Marokko-Kongo-Vertrag hatte Frankreich wohl sein Vorkaufsrecht auf das spanische Muni-Gebiet, nicht aber das auf den belgischen Kongo aufgegeben.