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Franz Thorbecke:
I. Der Kulturwert von Wald, Savanne und Steppe.
Eine geographische Tatsache von grundlegender Bedeutung unterscheidet den Westen und das Innere des tropischen Afrika vom Osten: die größere Feuchtigkeit des Klimas im Westen, die sich in den äquatorialen Teilen noch weit landeinwärts geltend macht, bis an die „Westküste" Ost-Afrikas an den großen Seen. Diese gewaltige tektonische Zone deckt sich mit einem im Landschaftsbild und im Wirtschaftsleben ganz deutlich ausgeprägten Grenzsaum: im Westen Wald und Savanne, im Osten Steppe, ja oft Halbwüste. Der Golf von Guinea wird schalig umlagert von riesigen Flächen verschiedenen Vegetationscharakters, die, durch alle möglichen Übergänge hindurch, vom immergrünen Urwald dauernd feuchter Tropen über die periodisch trockene Savanne, die Grasflur mit Uferwäldern, zur Trockensteppe führen. Es handelt sich um ungeheuer große Gebiete mit einheitlichem Landschaftscharakter: um tropische Urwälder, die an Ausdehnung denen des Amazonas in Süd-Amerika nicht nachstehen; um Savannen, die sich, rein klimatischen Ursprungs, um diesen Wald lagern und Höhen und Tiefen gleichermaßen überziehen mit den typischen Grasfluren, in denen der Uferwald mit seinen schwarzen Schlangen im hellen Grün der Eegenzeit wie im fahlen Graugelb der oft knapp vier Monate währenden Trockenzeit jeden Bach, jedes Binnsal deutlich abzeichnet und neben großen Flüssen oft Kilometer breit wird; um Steppen, die im Norden, im West-Sudan bis an den westlichen Ozean reichen und, sich gegen Osten fast ins Unendliche verlierend, den Erdteil in seiner größten Breite ganz durchziehen. In dieser Anordnung, in dieser Ausdehnung ist der charakteristischste Zug afrikanischer Landschaft besonders deutlieh ausgeprägt: die Riesenhaftigkeit der Verbreitung einer Erscheinung über ungeheure Stücke der Erdoberfläche, die immer wieder in Erstaunen setzt bei aller Verschiedenheit im Einzelnen. Der Urwald Liberias oder im Nigerdelta, in den Ebenen um den Kamerunberg oder im Kongobecken ist stets derselbe, wie auch die Grasflur im Kameruner Hochland von der am Ubangi und Uelle oder im Innern Angolas in den großen Zügen kaum abweicht. Beide Landschaftstypen zeichnet ihre Großräumigkeit ebenso aus wie die unendliche Steppe des Sudan.
Der Wald.
Gleichförmig wie die Natur des Waldes ist auch das Leben des Menschen und seine Wirtschaft. Dieselben langen Zeilendörfer, die gleichen lichtgrünen Bananenhaine am Kongo und an den Ölflüssen; hier wie dort Arbeit nur für des Leibes Notdurft, keine Sekunde länger oder ein Gramm mehr, als unbedingt nötig, höchstens etwas Sammeltätigkeit, nachdem der Elefant immer seltener geworden und der so bequeme, aber einträgliche Sklavenhandel aufgehört hat unter dem Druck desselben weißen Mannes, der jetzt Arbeit um ihrer selbst und des Verdienstes willen lehrt und fordert. Wozu arbeiten, wenn man satt ist, seinen Palmwein trinken kann, und wenn daneben noch viel Zeit für Spiel und Tanz bleibt? Die bequeme Kultur der Banane, die von selbst auf einem kleinen Stück gerodeten Waldbodens wächst, dies Geschenk einer üppigen Tropennatur, wird auch im Waldland des tropischen Afrika zum Fluch des Farbigen. Nir-