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Das tropische West- und Mittel-Afrika / von Franz Thorbecke
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Franz Thorbecke:

Erdteils lag, mit dem für seine Zeit unerhört kühnen Bau der Uganda-Bahn im östlichen Hochland; die englischen Kolonialpolitiker, die im Gegensatz zu Deutschen und Belgiern vor Allem über eine Schulung und Überlieferung von Jahrhunderten verfügten, haben durch Übertragung ihrer in Indien erprob­ten Methoden auf den afrikanischen Kontinent und, was meist vergessen wird, mit Hilfe von farbigen indischen Beamten und Arbeitern zuerst mit Erfolg im tropischen Afrika den Kampf gegen den kulturwidrigen und unwirtschaftlichen Trägerverkehr aufgenommen. Langsam und zögernd nur sind die andern Na­tionen gefolgt; im tropischen West- und Mittel-Afrika hat eigentlich erst das neue Jahrhundert eine planmäßige Verkehrserschließung des riesigen, der Wirt­schaft der Welt anzugliedernden kolonialen Neulands gesehen. Am längsten hat es bei dem jüngsten Kolonialvolk mit überseeischen Aufgaben, bei uns Deutschen gedauert, bis sieh auch hier die richtige Erkenntnis Bahn brach; ohne jede Überlieferung, ohne Vorbildung, ohne Schulung im eigenen Leben und Schaffen standen wir Deutsche plötzlich, fast von heute auf morgen, vor der Biesen auf­gäbe, nicht ein einheitliches Neuland zu erschließen, sondern viele geti-ennte, wenn auch große Stücke überseeischen Besitzes unsrer Volkswirtschaft und damit der der Welt anzugliedern. Fast zwei Jahrzehnte tastender Versuche, dann aber auch bei uns mit überraschender Schnelligkeit ein sachliches Be­greifen verkehrspolitiseher Notwendigkeiten und ihr Umsetzen in die Tat. Wir staken freilich noch in den ersten Anfängen, als der Weltkrieg auch über den schwarzen Erdteil hereinbrach; Engländer und Franzosen aber hatten in ihren sehr viel größeren Betätigungsräümen 1914 schon wirkliche Verkehrsnetze ge­schaffen, und auch der belgische Kongo verfügte bereits über ein zusammen­hängendes System von Wasserwegen und Eisenbahnen.

Frankreich, England und Deutschland im West-Sudan und am Golf von Guinea.

Am großzügigsten haben wohl die Franzosen in ihrem westafrikanischen Kolonialreich die neue Aufgabe angepackt, deren Lösung allerdings durch die Savannen- und Steppennatur des West-Sudan sehr erleichtert wurde. Als Ziel der staatlichen Verkehrspolitik schwebte dem ersten Generalgouverneur Boume ein einheitliches Verkehrsnetz 1 ) vor, das den an der Küste mehrfach unter­brochenen Zusammenhang der großen Kolonie Verkehrs- und wirtschaftspolitisch wahren sollte. Ausgangspunkt ist die neue Landeshauptstadt Dakar, die an die Stelle des etwas heruntergekommenen St. Louis getreten ist, das mit dem bessern Hafen am Kap Verde schon 1885 durch einen Schienenstrang verbunden wurde. Heute führt die Hauptlinie von Westen nach Osten durch Frankreichs älteste afrikanische Kolonie Senegal, die mit dem Namen des Generals Faid herbe eng verknüpft ist, nach Kayes und macht so den Verkehr unabhängig von dem nur drei Monate schiff baren Senegal selbst, dessen Wasserstand, ebenso wie der des oberen Niger, schon ganz vom Trockenklima der nahen Wüste abhängt.

1) Vgl. den schon früher erwähnten Vortrag von Lucien Hubert (1907) und den von F. Baltzer: Die Erschließung Afrikas durch Eisenbahnen, der den Stand der Bahnbauten in allen afrikanischen Ländern für 1913 darstellt.