Das tropische West- und Mittel-Afrika,
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fast das ganze Jahr selbst für größere Dampfer, wenigstens bis Yola befahrbar sind. Die ungeheure Wichtigkeit der Niger-Benue-Straße für Inner-Kamerun führt uns Deutschen dieser-Kolonialkrieg so recht vor Augen. Der Mangel an Eisenbahnen, die noch nirgends in Kamerun tiefer in die Savanne hinein führen, zwang uns im Verkehr mit Adamaua ja schon in Friedenszeiten in eine fast unerträgliche Abhängigkeit von England, trotz der deutschen Ehederei, die von der Woermann-Linie 1914 auf den beiden Flüssen eingerichtet wurde und ihren Sitz im englischen Lagos hatte. Ihre Schiffe, die für das gerade in der englischen Kolonie hoch entwickelte deutsche Wirtschaftsleben ein festes Kückgrat bilden sollten, dienen jetzt wohl schon seit Monaten englischen Truppentransporten. Deutsche Schiffahrt hat vorerst auf westafrikanischen Flüssen und Meeren ebenso ein Ende gefunden, wie der Handel des deutschen Kaufmanns, der immer mehr in West-Afrika auch in fremden Kolonialgebieten an erste Stelle gerückt war, und in dessen Händen sich nach eigenem Eingeständnis englischer Schifffahrtskreise 1 ) der ganze Ölhandel der Ober-Guinea befand.
Tatsächlich hatten in der See- und Küstenschiffahrt wir Deutsche in den westafrikanischen Gewässern die französische und englische Konkurrenz so völlig aus dem Felde geschlagen, daß die deutschen Linien von Engländern und Franzosen immer mehr bevorzugt wurden und auch im Frachtverkehr längst die erste Stelle einnahmen. Vor Lagos lagen oft mehrere große deutsche Dampfer auf einmal, und auch der Verkehr zwischen der offenen Rhede und der hinter der Lagune gelegenen größten Europäerstadt West-Afrikas war in deutschen Händen. Nicht allein gegen die deutschen Kolonisten richtet sich hier der Kolonialkrieg, er ist nur ein Glied in der schweren Kette, die England unserm Handel, unserm Seeverkehr überall auf Erden dauernd anlegen möchte. Auch an den atlantischen Küsten Afrikas gilt Englands Kampf deutscher Weltgeltung, auch hier ist sein Ziel ihre Vernichtung und dadurch eigene Bereicherung.
Kamerun.
Wir Deutsche taten nichts, unsre schönen Schiffe, unsern reichen Handel, unser glänzendes Wirtschaftsleben an der westafrikanischen Küste zu sichern und zu schützen gegen den Überfall, der kommen.mußte, wenn einmal in Europa der Krieg ausbrach. Dabei besaßen wir den besten natürlichen Hafen im tropischen West-Afrika, Duala, wo heute, dank unsern Unterlassungssünden, die Engländer schalten und walten. Wir vergessen stets, daß Duala außerhalb der neutralen Zone Mittel-Afrikas liegt; weder in der Tagespresse, noch in Zeitschriften oder in Kriegsbroschüren habe ich einen Hinweis finden können, der den Tatsachen entspricht. Auf besondere Anregung der Vereinigten Staaten wurde diese Zone geschaffen, als Hauptergebnis der Berliner Afrika-Konferenz von 1885 neben der Anerkennung des unabhängigen Kongostaats. Äquatorial- Afrika, in der im Osten sehr weiten Fassung dieses Länderbegriffs, sollte für immer vor der Übertragung eines europäischen Kriegs auf afrikanischen Boden bewahrt bleiben; denn, wie noch 1907 Lucien Hubert 2 ) in Berlin so schön
1) Jahresbericht der Elder-Dempster-Linie in Liverpool für 1914.
2) Lucien Hubert. FranzÖBich-West-Afrika. S. 34.