Das tropische West- und Mittel-Afrika.
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konstruiert in der Eolle des Islam im Westen und im Osten Afrikas. Wann wird den hamitischen Anhängern des Islam in West-Afrika je wieder der Erfolg so winken, wie heute? Muß doch die französische Heerführung das Innere ihrer äußerlich so glänzend organisierten Kolonie West-Afrika fast völlig von schwarzen Truppen entblößt haben, die als „Senegalesen" auf den Schlachtfeldern des westlichen Kriegsschauplatzes verbluten oder dem rauhen Winterklima Nordost-Frankreichs rücksichtslos ausgesetzt wurden. Gegen diese moderne Sklaverei hat allerdings neutrale Humanität noch nirgends ihre Stimme erhöhen.
Es wäre sicher politisch unklug, große baldige Wirkungen vom heiligen Krieg im tropischen West-Afrika zu erhoffen, aber ihn ganz auszuschalten aus unsern Erwägungen über die politische Neugestaltung des Sudan in einer nicht zu fernen Zukunft, wäre ebenfalls verkehrt. Uns Deutschen kann es gar nicht gleichgültig sein, ob in den nächsten Jahrzehnten weiterhin Frankreich und England im Sudan herrschen werden, oder ob auch wir uns im Bunde mit der islamischen Kulturwelt in diesem wichtigen Zwischenland durchsetzen werden, dem auch heute noch — trotz der wirtschaftlichen Eroberung Inner-Afrikas von der Küste aus — als dem Übergangsgebiet vom feuchten tropischen Süden zum trocknen Norden der Wüste eine hohe Bedeutung zukommt. Der Viehreichtum des Sudan, seine Kulturoasen in den Überschwemmungsgebieten am Niger und am Tschad, in denen bereits Weizenbau möglich ist, seine große Kaufkraft, auf die sich der Wüstenhandel früherer Jahrzehnte, ja Jahrhunderte aufbaute, machen den Wert dieser weiten Steppen und Halbwüsten aus, die auch der Schauplatz der klassischen deutschen Afrikaforschung vor der kolonialen Periode gewesen sind; Franzosen und Engländer stehen noch heute vielfach auf den Schultern eines Heinrich Barth, eines Gustav Nachtigal, eines Gerhard Bohlfs und anderer deutscher Forschungsreisender.
War schon die Savanne ein Gebiet der Zukunft, die Steppe ist es noch viel mehr; noch sind erst wenige lockere Fäden geknüpft zwischen ihr und der Küste, die der Krieg mit rauher Hand zerrissen hat. Noch fehlt im Sudan das große einheitliche Verkehrssystem, das im äquatorialen Afrika den Westen mit dem Osten verbinden sollte.
Hochländer.
Als Einwanderungsland und Besiedelungsgebiet für große Massen nordeuropäischer Auswanderer kommen nirgends im tropischen West- und Mittel- Afrika ausgedehnte hoch gelegene Flächen in Betracht. Selbst wenn einmal in kommenden Jahrzehnten ein deutscher Auswandererstrom die Höhe der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts erreichen sollte, was bei der heutigen Struktur des deutschen Wirtschaftslebens höchst unwahrscheinlich ist, könnten große Massen von Auswanderern nicht in heutige oder zukünftige deutsche Kolonialgebiete im tropischen West-Afrika gelenkt werden. Übrigens ist ja glücklicher Weise das Auswanderungsproblem, das in den siebziger und achtziger Jahren in Deutschland den Anstoß zu staatlichen Kolonialgründungen gab, in allen kolonialen Diskussionen unsrer Tage mehr und mehr in den Hintergrund getreten; die Versorgung der Industrie mit Rohstoffen, die Erzeugung ganz bestimmter Kolonialwaren, der gesicherte Absatz unserer Industrieprodukte sind