Print 
Das tropische West- und Mittel-Afrika / von Franz Thorbecke
Place and Date of Creation
Page
393
Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image
 

Das tropische West- und Mittel-Afrika.

393

nügender Meereshöhe und bei modernen Verkehrsmitteln eine solche Ansiedlung in mittleren Betrieben möglich ist; wie wertvoll sie bei guter Organisation in Zeiten politischer Gefahr sein kann, das können wir aus den spärlichen Nach­richten entnehmen, die wir über die Mitwirkung der Ansiedler bei der Vertei­digung Deutsch-Ostafrikas erhalten haben.

Gegenwärtiger und zukünftiger Wert.

Stellen wir die Frage nach dem Gegenwarts- und Zukunftswert der tropi­schen Landschaften West- und Mittel-Afrikas, so scheidet für die nächste Zu­kunft der größte Teil des Binnengebietes aus. Erst eine planmäßige Verkehrs­erschließung, die allerdings eine Vereinheitlichung des politischen Kartenbildes zur Voraussetzung hat, wird die Savannen und Steppen hinter der großen Hyläa in vollem Umfang einer wirtschaftlichen Verwertung entgegenführen; alle bis jetzt geschaffenen Verkehrsanlagen sind erst Anfangs- und Stückwerk, müssen es auch sein, solange ihnen der Wettbewerb der verschiedensten Kolonialmächte getrennte Wege vorweist und ein einheitliches Verkehrssystem bewußt hindert.

Selbst die dichter besiedelten Ackerbauländer der Savanne und die unge­heuer großen Weideflächen der Steppen stellen nur einen geringen Gegenwarts­wert dar, da weder ihre Ernten noch die Produkte ihrer Viehzucht weltwirt­schaftlich genutzt werden können. Wo der Ackerbauer mehr erarbeitet, als er für seinen eigenen Lebensunterhalt braucht, wo der Viehzüchter mehr erzeugt, als für seine Wirtschaft nötig ist, wo also wirklich schon wirtschaftliche Werte geschaffen werden, bleiben sie im küstenfernen Tauschhandel des Binnenlandes; diese primitive und langsame Form des Austauschs setzt oft für innerafrika­nische Verhältnisse recht große Werte in Bewegung, am Maßstab der Weltwirt­schaft gemessen aber würden sie, wenn wir sie statistisch erfassen könnten, nur verschwindend kleine Zahlen geben. Noch für längere Zeit hinaus wird also die Weltwirtschaft diese Erzeugnisse einer tatsächlich vorhandenen Kulturtätigkeit nicht verwerten können.

In ganz andrem Maß stellt schon heute der Wald in der Nähe der Küste, eines schiffbaren Stromes oder einer Eisenbahn Gegenwartswert vor, nicht so sehr durch mühelos zu erwerbende Sammelprodukte als durch die Erzeugnisse einer an den verschiedensten Stellen erfolgreich einsetzenden systematischen Be­wirtschaftung. Diese erst in jüngster Zeit gewonnene Erkenntnis hängt aufs engste zusammen mit der Schaffung moderner Verkehrswege, die im tropischen Urwald nur Bahnen sein können, einige wenige natürliche Wasserstraßen aus­genommen.

Trotz der Gleichheit der natürlichen Bedingungen über ungeheure Räume hin wäre es falsch, vorgefaßten Grundsätzen zu Liebe im Waldland einseitig entweder für Eingeborenen-Volkskultur oder für Pflanzungs-Kultur als zukünftige Wirtschaftsform einzutreten. Wo eine bereits zur Arbeit willige oder dazu er­zogene Bevölkerung sitzt, wird Eingeborenenkultur, an der sich jeder Volks­genosse beteiligt, ohne großen Kostenaufwand und ohne Kisiko für den privaten europäischen Unternehmer der Gründung neuer Plantagen vorzuziehen sein; wo aber die Bevölkerung noch arbeitsscheu und widerwillig ist, da muß sie erst zu geregelter Tätigkeit erzogen werden, und das kann nur mit einem ge-

Geographisclie Zeitschrift. 21. Jahrg. 1915. 7. Heft. 27