Denkmalpflege in Bremen Heft 12
Anja Becker-Chouati
Ein katholisches Kirchdorf inmitten einer modernen Hochhaus-Siedlung 1 - St. Hedwig in der Neuen Vahr
Einleitung
Ein hoher schlanker Kirchturm steht am Straßenrand und überragt weithin sichtbar die umliegende Wohnbebauung. Höhepunkt ist das alles überragende Kreuz der Turmspitze. Das geschwungene Kirchengebäude mit dem zur Straße hin ansteigenden Dach steht unauffällig neben dem Campanile.
Die Zeichnung befindet sich im Kopf eines Briefes vom 4. September 1961, in dem Pastor Engelhauser aus der noch jungen katholischen Gemeinde St. Hedwig in der Neuen Vahr in Bremen dem zuständigen Bischof des Bistums Osnabrück die freudige Nachricht des Baube-
din 3«ptftabor 1963
Briefkopf der Gemeinde St. Hedwig mit dem nicht realisierten Glockenturm, 1961
ginns der neuen Kirche mitteilte. 2 Endlich, na<;h zwei Jahren des Ringens und Planens, konnte mit dem Bau der Kirche in der neuen Wohnsiedlung Neue Vahr begonnen werden. Wiederum zwei Jahre später, am 31. März 1963, wurde die Kirche eingeweiht; jedoch ohne den Turm. Da der Bau der Kirche teurer wurde als ursprünglich veranschlagt, konnte der Turm zunächst aus finanziellen Gründen nicht mehr gebaut werden. 3 Später sollen dann laut mündlicher
36
Überlieferung in der Gemeinde, und das wäre bezeichnend für die Ära der Spätsechziger- und Siebzigerjahre, auch ideelle Motive für ein endgültiges Ende der Planung gesorgt haben: be- wusster Turmverzicht angesichts der Armut in der Welt. Während die Gemeinde von St. Hedwig im Verlauf des Bauprozesses auf den Turm verzichtete, wuchsen in der nach modernen städtebaulichen Leitbildern geplanten Großwohnsiedlung Neue Vahr die Wohnhäuser in den Himmel (Bauzeit 1957-1961). Gestaffelt in verschiedene Geschosszahlen, steigern sich die Bauten bis zum städtebaulichen Zentrum der Neuen Vahr - dem 22-stöckigen Wohnhochhaus von Alvar Aalto - in die Höhe.
Aalto-Hochhaus in der Neuen Vahr, Foto von 1962