Heft 
(2015) Bd. 12. Architektur der Nachkriegszeit
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Denkmalpflege in Bremen Heft 12

Eberhard Syring

Der Disput zwischen Traditionalisten und Modernisten in der bremischen Wiederaufbauphase

Unter »Nachkriegsarchitektur« wird in erster Linie die Bauentwicklung der ersten beiden Nachkriegsjahrzehnte subsumiert, also diejeni­ge der Zeit zwischen 1945 und 1965. Mitte der 1960er-Jahre waren die meisten der kriegszer­störten Bauten und Areale erneuert und die Wohnungsnot der Nachkriegsjahre durch den Bau neuer Siedlungen weitgehend behoben. Es begann ein neuer Abschnitt in der Entwick­lung der Architektur und des Städtebaus, der - begünstigt durch den wirtschaftlichen Auf­schwung - auf einer grundlegenden Moderni­sierung der städtischen Infrastruktur fußte. Großbauvorhaben waren nun an der Tagesord­nung: Trassenplanungen, zahlreiche Verwal- tungs- und Wohnhochhäuser, Bildungsbauten wie Universitäten und Schulzentren.

Anders war die Situation für die Architektur und die städtebauliche Entwicklung in den ers­ten zwei Nachkriegsjahrzehnten. In dieser Zeit ging es primär um die Frage, wie der Wieder­bzw, der Neuautbau der zerstörten Städte zu gestalten sei - und zwar unter den Voraussetzun­gen knapper wirtschaftlicher Ressourcen und einer großen Wohnungsnot.

Im Rückblick hat sich für die Architektur dieser Zeit vor allem der sogenannte »Fünfziger- lahrc-Stil« eingeprägt und als städtebauliches Konzept die Idee der »gegliederten und aufge­lockerten Stadt« bzw. der »Stadtlandschaft«. Fragt man sich, inwieweit es sich bei den ge­nannten Stichworten um allgemein geteilte 1 l.iltungcn gehandelt hat, schneidet das städte­bauliche Konzept besser als das architektur- ästhetische ab. Dass die kriegszerstörten Städte die Chance tiir eine grundlegende Neuordnung boten, darüber waren sich die Planer schon vor dem Ende des Weltkriegs, als die ersten Planun­gen für den Neuaufbau begannen, im gesamt­

europäischen Rahmen einig. Dafür boten Vor­kriegskonzepte aus dem angelsächsischen Raum, aber auch die »Charta von Athen«, die eine Trennung der städtischen Funktionen Wohnen, Arbeit, Freizeit und Verkehr propagierte, we­sentliche Voraussetzungen. Strittig war ledig­lich, wie mit den teils zerstörten historischen Monumenten und den stadtbildprägenden En­sembles in den Stadtkernen umzugehen sei. Hier unterschieden sich Städte, die auch in den Innenstädten auf eine konsequente Moderni­sierung setzten, von solchen, die eine (zum Teil »schöpferische«) Rekonstruktion von Bau­ensembles bevorzugten, die für die geschichtli­che Identität einer Stadt bedeutsam schienen.

Herrschte über das städtebauliche Konzept weitgehend Einigkeit, bestand unter den Archi­tekten in bauästhetischen Fragen ein Dissens, der sich um die Alternativen Traditionalismus und Modernismus drehte. Der Grad der archi­tektonischen Auseinandersetzung in dieser Fra­ge variierte in den westdeutschen Großstädten. In Bremen, das im Folgenden genauer betrach­tet werden soll, bestimmte der Disput aber in starkem Maß die erste Hälfte der 1950er-Jahre. Als Grund für die Heftigkeit der architektur­ästhetischen Auseinandersetzung in der Nach­kriegszeit ist in erster Linie die durch die NS- Kulturpolitik unterbrochene Architekturent­wicklung in Deutschland zu sehen. Denn Deutschland war in den 1920er-Jahren interna­tional ein Vorreiter in der Entwicklung der modernen Architektur. Dass die moderne Archi­tektursprache in der NS-Zeit weitgehend tabui- siert wurde, löste vor allem bei jüngeren Archi­tekten zu Beginn der 1950er-Jahre, als die Bau­konjunktur langsam in Schwung kam, den Wunsch aus, an diese unterbrochene Tradition anzuknüpfen. Doch hatte sich die moderne