Heft 
(2021) Bd. 18. Gotik
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122
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Denkmalpflege in Bremen Heft 18

Jürgen Pätzold

Die Verwendung von Naturwerksteinen beim Bau des gotischen Bremer Rathauses

Naturwerksteine erfahren in der Regel keine große Beachtung, obwohl sie in zahlreichen historischen Gebäuden als Bausteine, Orna­mentsteine oder für Skulpturen verwendet wur­den. Die Verwendung eines bestimmten Natur­werksteines hat aber oft wichtige kulturhistori­sche Bedeutung und verleiht der Architektur eines Gebäudes ein charakteristisches Erschei­nungsbild. In den letzten Jahren wird deshalb vermehrt versucht, den Naturwerksteinen in Welterbestätten mehr Aufmerksamkeit zu schen­ken (Global Heritage Stone Resource). Die Ver­wendung von Naturwerksteinen dokumentiert die regionale Verfügbarkeit von Baustoffen, gibt Auskunft über Handelsbeziehungen und Trans­portwege und hat Bedeutung für die Denk­malpflege. Das Management und die Instand­haltung von Kulturerbestätten bedürfen der Kenntnis des verwendeten Materials. Die Be­schaffung von originalem Ersatzmaterial kann oft schwierig oder unmöglich sein, wenn die Herkunft des Materials in Vergessenheit gera­ten ist oder die historischen Steinbrüche nicht mehr im Abbau befindlich sind.

Mit diesem Beitrag soll versucht werden, die überlieferten Informationen zur Verwen­dung von Naturbaustoffen und Naturwerk­steinen beim Bau des gotischen Rathauses zu Beginn des 15. Jahrhunderts zusammenzutra­gen und noch erhaltene Teile der originalen Bausubstanz zu identifizieren. Es wurde ver­sucht, die wichtigsten verwendeten Gesteine zu bestimmen und ihre Herkunft und Trans­portwege aufzuzeigen. Das über 600 Jahre alte Bremer Rathaus und der Roland von Bremen wurden 2004 in die Liste der UNESCO Welt­erbestätten aufgenommen (Skalecki 2005).

Das mittelalterliche Rathaus

Auch wenn das Bremer Rathaus während der späten Renaissance eine erhebliche Neugestal­tung erfuhr, so ist doch der dreigeschossige querrechteckige Saalgeschossbau mit Keller­gewölbe (heute Ratskeller), Markthalle (Unte­re Rathaushalle) und Ratssaal (Obere Rathaus­halle) in seinem ursprünglichen Kern noch er­halten und gut erkennbar. Im Unterschied zu anderen gotischen Bauten Norddeutschlands wurde in Bremen kein reiner Backsteinbau errichtet, sondern ein Gebäude aus einer Mi­schung aus Ziegelsteinen und Naturwerkstei­nen. Diese charakteristische Verbindung aus Ziegel- und Naturwerksteinen wurde später auch als Ziegelhausteinbau bezeichnet (Pauli 1892).

Die ältesten bekannten Darstellungen von Hogenberg aus dem Jahr 1588/1589 und Dilich 1596 und 1603 zeigen die Gestalt des goti­schen Rathauses vor dem Umbau in der Renais­sance. Danach hatte das mittelalterliche Rat­haus zum Markt hin einen Arkadengang und 5-bogige Fenster im oberen Geschoss, kleine Ecktürmchen an den Fassadenkanten und einen Zinnenkranz vor dem Walmdach. Ge­schmückt wurde die Fassade durch große Figu­ren zwischen den Fenstern und kleinere unter den Ecktürmen sowie durch eine größere An­zahl von runden Schildern unter dem Zinnen­kranz. Auf dem Marktplatz vor dem Rathaus stand der steinerne Roland.

Die wichtigste Quelle über den Bau des gotischen Rathauses ist das aus vier Einzel­heften bestehende Rechnungsbuch aus den Jah­ren 1405 bis 1407 (Ehmck und Schumacher 1866). Darin werden alle Kosten für die Errich­tung des Gebäudes während der ersten drei