Heft 
(2021) Bd. 18. Gotik
Seite
105
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Bischop - Archäologie des sogenannten Balleer'schen Hauses am Markt

Dieter Bischop

Archäologie des sogenannten Balleer'schen Hauses am Markt

Als sich im Frühjahr 2002 mit der grundlegen­den Sanierung des historischen Bremer Markt­platzes eine einmalige Chance für archäologi­sche Untersuchungen bot, kamen bedeutende Befunde für die früh- und hochmittelalterliche Entwicklungsgeschichte Bremens zutage. Sie beleuchteten schwerpunktmäßig die Frühge­schichte des Platzes, der Teil des suburbium der angrenzenden karolingischen Domburg war. An mehreren Stellen konnte zudem großflächig ein Marktplatzpflaster des 13. Jahrhunderts frei­gelegt werden.

Eine 7,5 mal 4 m große Fläche unweit der Nordecke des Bremer Bürgerschaftsgebäudes wurde separat untersucht (Abb. 1). Dabei konn­te ein Großteil des Untergeschosses des ehe­mals an der Ecke Am Markt und Am Gras­markt befindlichen sogenannten Balleer'schen Hauses erfasst werden. Dieses spätgotische Ge­bäude bildete im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit die Nordwestecke des halbkreisförmi­gen Willhadiblockes, eines nach der Willhadi- kirche benannten Häuserblockes an der Ost­seite des Marktes. Zusammen mit der südöstli­chen Ecke des spätmittelalterlichen Rathauses flankierte es den Eingang zum Domportalvor­platz (Abb. 2 und 3).

Das spätmittelalterliche, bis zur Traufe drei­geschossige sogenannte Balleer'sche Haus stand aufgrund seiner prominenten Lage bis zur Zer­störung immer wieder im Fokus frühneuzeit­licher Darstellungen, deren Hauptmotiv das Rathaus auf dem Markt und der Dom waren (Abb. 4). Das Haus war nach Rudolf Stein ei­nes der prächtigsten Gebäude in Bremen über­haupt. 1

Im Laufe seiner Geschichte wurde das Haus einigen Umbauten unterzogen, darunter das Anfügen der Utluchten und darunter der An­

bau an die Erdgeschossfront. Doch blieb bis zum Abriss immer der bestimmende spätgoti­sche Charakter des Hauses erkennbar, mit dem es bis zum Jahre 1860 den Durchgang vom Markt zum Dom hin prägte.

Da die Alte Börse, im Winkel zwischen Rat­haus und der Kirche Unser Lieben Frauen er­baut, dem Bedarf nicht mehr entsprach und zu klein geworden war, beschloss die erst sechs Jahre zuvor gebildete Handelskammer im Jahr 1855 einen Neubau der Börse. Als später der Entwurf des Architekten Heinrich Müller den finalen Zuschlag bekam, stand bereits als Bau­platz das Willhadiviertel, ein Areal östlich des Marktplatzes, fest. Dieser Häuserblock mit sei­nen 17 giebelständigen Gebäuden, dem Fleisch­markt, der Lauf- und Fleischstraße und der in der frühen Neuzeit profanierten Willhadikirche wurde in einem langwierigen Prozess von Pri­vatleuten und vom Staat erworben. Das so­genannte Balleer'sche Haus befand sich zwar nicht direkt im eigentlichen Baufeld des zu­künftigen, einige Meter zurückgesetzten Bör­sengebäudes, war jedoch der geplanten Gesamt­erweiterung der neu konzipierten Westseite des Marktplatzes im Wege. So wurde es 1859/60 bis auf die Tonnengewölbe des Kellers nieder­gerissen, um den Durchgang zum Dom groß­zügiger und wirkungsvoller zu gestalten und eine Erweiterungsmöglichkeit für den Markt­platz zu schaffen. Die Kellerwände wurden of­fensichtlich nicht entfernt (Abb. 5). Eine der ältesten erhaltenen Fotografien aus Bremen zeigt relativ zentral das Haus kurz vor seiner end­gültigen Zerstörung (siehe Aufsatz von Schwartz in diesem Band.). Zu diesem Zeitpunkt waren die beiden Kellerhälse, die in den unteren Haus­bereich führten, bereits durch einen die ge­samte Breite des Hauses einnehmenden Riegel