Heft 
(2021) Bd. 18. Gotik
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Denkmalpflege in Bremen Heft 18

Georg Skalecki

Die Kirche Unser Lieben Frauen in Bremen - Ein frühgotischer Zentralbau von 1220

Die Ausgangslage

Der Domherr und Chronist Magister Adam von Bremen (* 1040/1050-f 1081/1085) ver- fasste um 1075 die »Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum<, eine der bedeutendsten frühmittelalterlichen Quellen zur Mission und Kirchenentwicklung des Nordens. Beschrieben sind darin die Geschichte des Doppel-Erzbis­tums Hamburg-Bremen mit Sitz in Bremen und seine Beziehungen zum skandinavischen Raum. In diesem Dokument finden sich Nachrichten über die Verhältnisse im europäischen Norden sowie über die lokale Entwicklung. So erfährt man, dass Unwan, 1013 bis 1029 Erzbischof in Bremen, außerhalb der Bremer Bischofsburg eine Pfarrkirche St. Veit erbauen ließ: »... etiam basilica sancti Viti extra oppidum construi...« 1 Als Baudatum wird heute mehr oder weniger willkürlich die Mitte seines Pontifikats, das Jahr 1020 angenommen, um ein konkretes Datum für eine Jubiläumsfeier benennen zu können. Damit konnte 2020 die 1000-jährige Nennung einer Kirche St. Veit von der Kirchengemeinde Unser Lieben Frauen zu Bremen begangen wer­den. Dies war ein Anlass für den Verfasser, sich aus Sicht des Bauhistorikers und Denkmalpfle­gers einmal intensiver mit den Bauwerken dieser Gemeinde auseinanderzusetzen. Die St. Veit Kirche wechselte im Laufe ihrer Geschichte das Patrozinium, wurde um 1220 eine Marienkirche und ist heute die Evangelische Pfarrkirche Un­ser Lieben Frauen im Zentrum von Bremen (Abb. 1).

Bei der Beschäftigung mit dieser Kirche stellt man zunächst fest, dass sie bisher in der überregionalen Forschungsliteratur wenig oder zumindest zu wenig Beachtung gefunden hat, obwohl der heute noch bestehende Bau des frü­

hen 13. Jahrhunderts eine auffallende und be­merkenswerte Grundriss- und Raumform zeigt, die längst das Interesse der allgemeinen kunst­historischen Forschung verdient gehabt hätte. Dies liegt unter anderem daran, dass die regio­nale Forschung zu wenig dafür getan hat, dieses Bauwerk in seiner Bedeutung überregional be­kannt zu machen. Daran änderten auch die verdienstvollen Inventarbände von Rudolf Stein nichts, die dieser ab 1960 als städtischer Denk­malpfleger herausgab, in denen aber der kunst­historische Kontext und die Einordnung der Bauwerke in überregionale Zusammenhänge meist zu kurz kamen. 2 Viele Autoren gingen mit Datierungs- und Ableitungsfragen sehr nachlässig um und behaupteten lapidar, der bestehende Bau Unser Lieben Frauen sei nach 1229 zu datieren, da er in der Nachfolge west­fälischer Hallenkirchen zu sehen sei. Sie erkann­ten nicht, dass die Bremer Kirche einen anderen Typus von Hallenkirche vertritt als die besagte Gruppe westfälischer Bauten. Fatalerweise wur­de aufgrund der Ableitungssystematik auch übersehen, dass der Bremer Bau älter sein muss als die vermeintlichen Vorbilder in Westfalen. Er ist daher als ein originäres Werk mit einer ganz außergewöhnlichen Form anzusehen, die später im Detail zu analysieren ist. In der regi­onalen, eher heimatkundlichen Literatur suchte man stets nach Vorbildern für Unser Lieben Frauen und gelangte so zu Spätdatierungen und unzutreffenden Ableitungen, die sich schließ­lich verfestigten. 3 Man traute leider immer in der Art einer lokalen Bescheidenheit voller Selbstzweifel sowie infolge einer Unterschätzung der hiesigen Arbeiten dem Standort Bremen wenig zu. Dies wird verstärkt von der Forschung anderer Regionen und der überregionalen Sicht, die gerne Bremen im Mittelalter als randständig