Heft 
(2021) Bd. 18. Gotik
Seite
92
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Uwe Schwartz

Bürgerhäuser der Gotik in Bremen

Es ist schwierig, einen Aufsatz über die profane, bürgerliche Baukultur Bremens während der Gotik zu schreiben, weil sich kaum - man will fast sagen keine - Beispiele bis in die heutige Zeit erhalten haben. Da die Häuser der Stadt Bremen bis ins hohe Mittelalter meist aus Holz, Stroh und Lehm bestanden und, wie die alten Bauernhäuser im Bremer Lande, Fachwerkbau­ten waren, sind außerdem viele dieser Häuser in jüngeren Epochen durch solide Steinbauten ersetzt worden. Uberhaupt wurde erst nach 1200 in Bremen der Backstein für den Hausbau gebräuchlich und das auch zunächst nur für sogenannte Steinkammern der herrschenden Geschlechter. Die Häuser der weniger wohl­habenden Bürger wurden erst im 15. Jahrhun­dert aus Stein errichtet, als der Preis für Back­stein erschwinglich geworden war und der Rat der Stadt mittels Verordnungen den Holzbau in der Stadt bekämpfte, um der Brandgefahr zu begegnen. Im Jahr 1500, also im Ausgang der Gotik, war das Stadtbild Bremens wohl im Wesentlichen durch Backsteinbauten be­stimmt.

Um eine Vorstellung vom Stadtbild Bre­mens zu dieser Zeit zu erhalten, lohnt ein Blick nach Lübeck, eine Handelsstadt, die ebenso wie Bremen Mitglied im Handelsbund der Hanse und im Hochmittelalter ab 1361 nach Wisby auf Gotland sogar deren Hauptort (Königin der Hanse) geworden war. Im 14. Jahrhundert war Lübeck neben Köln und Magdeburg eine der größten Städte des Reiches. Nur nahm in Lübeck, stark verkürzt formuliert, die wirt­schaftliche Entwicklung in der Neuzeit keinen ähnlich dynamischen Verlauf wie in Bremen. So kann man sich heute noch in Lübeck ein Bild vom Aussehen einer wohlhabenden mittel­alterlichen Handelsstadt machen, während in

Bremen bereits in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg kaum noch mittelalterliche Wohn­gebäude vorhanden waren. Das eigene, schüt­zenswerte kulturelle Erbe erkannten die Bremer auch mehr in den Bauwerken der Renaissance, die im Weserraum eine besondere Blüte gehabt hatte. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass nach der dramatischen Kriegszerstörung der Bremer Innenstadt im Zweiten Weltkrieg während des Wiederaufbaus die Bauwerke der Gotik weniger im Fokus standen.

Johann Georg Kohl beschreibt 1870 erst­mals in seinen »Episoden aus der Cultur- und Kunstgeschichte Bremens« die Entwicklung des Wohnhauses in Bremen von seinen Anfängen an. Diese immer noch lesenswerte Bestands­aufnahme ist mit zeichnerischen Aufnahmen gotischer Giebel von Bremer Bürgerhäusern illustriert, die der begabteste Neugotiker un­ter den Bremer Baubeamten, Simon Loschen (1818-1902), geschaffen hat. Loschen hatte die verwendeten Beispiele zumeist noch vor Ort zeichnen können. Als dann fast einhundert Jahre später der bisher ausführlichste, bis heute auch einzige systematische Überblick, welche gotischen Bürgerhäuser sich noch bis in das 19. und frühe 20. Jahrhundert in Bremen er­halten hatten, von Rudolf Stein publiziert wur­de, waren viele der Beispiele bereits Geschichte. Seine 1962 erschienene Publikation »Romani­sche, gotische und Renaissance-Baukunst in Bremen« ist der zweite Band einer insgesamt sechsbändigen Reihe zur Geschichte der Bau- und Kunstdenkmäler in Bremen. Der damalige Bremer Landeskonservator hatte in diesen Bän­den im Unterschied zum klassischen Denkmal- Inventar sowohl die erhaltenen als auch die verlorenen Baudenkmäler dokumentiert. Unter dem Eindruck der Kriegszerstörung war ihm