Heft 
(2005) Bd. 2. [Rathaus]
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Rolf Kirsch

Neu unter Schutz gestellte Kulturdenkmale

Bremerhaven-Lehe,

Katholische Pfarrkirche Herz Jesu,

Eupener Straße 60

Die eindrucksvolle Leher Herz-Jesu-Kirche wur­de 1910-1911 nach Entwürfen des Hannoveraner Architekten Maximilian Jagielski (1876-1912) als dreischifBge, gotisierende Backsteinbasilika mit Polygonalchor und einzelnem, über Eck ge­stelltem Turm erbaut. Sie war für eine Kapazität von 400 Sitz- und 600 Stehplätzen konzipiert. 1908 war in Lehe eine katholische Gemeinde gegründet worden; es lebten dort damals etwa 4000 Katholiken. Mit dem weithin sichtbaren neuen Gotteshaus, seinerzeit noch in freier Ortsrandlage an der damaligen Keilstraße (heute: Eupener Straße) gelegen, setzten der neue Pfar­rer Josef Evers, der Kirchbauverein und die Ge­meinde ein deutliches Zeichen. Für die Leher Katholiken endete der frühere missliche Um­stand, sonntags zur Messe in die Bremerhavener St.-Marien-Kirche gehen zu müssen. Der neue Kirchenbau erregte durch seine stattlichen Dimensionen (»Leher Dom«) und seinen mit 55 Metern hoch aufragenden Turm Aufmerk­samkeit. Er förderte Zusammengehörigkeitsge­fühl und Selbstbewusstsein der jungen Gemein­de in dem aufstrebenden Nachbarort Bremer­havens. Die neue Kirche sollte ursprünglich programmatisch dem Patron der Arbeiter, St. Joseph, geweiht werden. Eine unverhoffte nam­hafte Spende der Roeckerath-Stiftung in Höhe von 62.500 Mark, gekoppelt an die Bedingung, »...daß die Kirche dem hlst. Herzen Jesu geweiht werden müsse«, sorgte dann aber für eine ent­sprechende Änderung der Namensgebung der Kirche, die am 13. August 1911 vom Hildeshei­mer Bischof Adolf Bertram geweiht wurde. Die große finanzielle Kraftanstrengung des mutigen

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und ehrgeizigen Kirchenneubaus hatte die Mit­tel der Gemeinde so sehr erschöpft, dass für Ausmalung, Orgel und Turmuhr zunächst kein Geld mehr zur Verfugung stand.

Maximilian Jagielski war nach der Beru­fung von Christoph Hehl auf den Lehrstuhl für mittelalterliche Baukunst an der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg (1894) zu dessen Nachfolger als führender Baumeister katholischer Kirchen in Hannover geworden. Jagielski, der auch als Mitarbeiter der in Han­nover erschienenen Fachzeitschrift »Deutsche Bauhütte« tätig war, hat bis zu seinem frühen Tod zahlreiche katholische Kirchen entworfen. Darüber hinaus bewies er große Vielseitigkeit: Teilnahme an Wettbewerben für mehrere Fluss­brücken, für die Stadthalle in Hannover und für einige Schulgebäude, Entwurf von Landhäu­sern, städtischen Wohn-, Geschäfts- und Miets­häusern.

Seine Leher Herz-Jesu-Kirche folgt den aktu­ellen Bemühungen um zeitgemäße Gestaltung im Kirchenbau ihrer Zeit. Weit entfernt von der früheren, dogmatischeren Neogotik der Hase- Schule zeigt sie ein stark abstrahiertes frühgo­tisches Formenvokabular in freier Kombination, eine malerische, städtebaulich wirksame Grup­pierung, ein großzügiges Raumgefüge mit eigen­willig-expressiver Ausbildung von Gewölbe und Stützpfeilern und ausgesprochene Modernität im konstruktiven Bereich. Ihre Fortschrittlich­keit wird im direkten innerörtlichen Vergleich mit der noch nicht einmal zehn Jahre älteren, konventionell neugotischen evangelischen Pau­luskirche sehr deutlich, deren Architekt der Hase-Schüler Wendebourg (Hannover) war. Jagielskis Kirchbauten wurden denn auch in Hermann August Waldners programmatischem Artikel »Entwicklung neuer Formen im Kirchen-