Rolf Kirsch
Neu unter Schutz gestellte Kulturdenkmale
Bremerhaven-Lehe,
Katholische Pfarrkirche Herz Jesu,
Eupener Straße 60
Die eindrucksvolle Leher Herz-Jesu-Kirche wurde 1910-1911 nach Entwürfen des Hannoveraner Architekten Maximilian Jagielski (1876-1912) als dreischifBge, gotisierende Backsteinbasilika mit Polygonalchor und einzelnem, über Eck gestelltem Turm erbaut. Sie war für eine Kapazität von 400 Sitz- und 600 Stehplätzen konzipiert. 1908 war in Lehe eine katholische Gemeinde gegründet worden; es lebten dort damals etwa 4000 Katholiken. Mit dem weithin sichtbaren neuen Gotteshaus, seinerzeit noch in freier Ortsrandlage an der damaligen Keilstraße (heute: Eupener Straße) gelegen, setzten der neue Pfarrer Josef Evers, der Kirchbauverein und die Gemeinde ein deutliches Zeichen. Für die Leher Katholiken endete der frühere missliche Umstand, sonntags zur Messe in die Bremerhavener St.-Marien-Kirche gehen zu müssen. Der neue Kirchenbau erregte durch seine stattlichen Dimensionen (»Leher Dom«) und seinen mit 55 Metern hoch aufragenden Turm Aufmerksamkeit. Er förderte Zusammengehörigkeitsgefühl und Selbstbewusstsein der jungen Gemeinde in dem aufstrebenden Nachbarort Bremerhavens. Die neue Kirche sollte ursprünglich programmatisch dem Patron der Arbeiter, St. Joseph, geweiht werden. Eine unverhoffte namhafte Spende der Roeckerath-Stiftung in Höhe von 62.500 Mark, gekoppelt an die Bedingung, »...daß die Kirche dem hlst. Herzen Jesu geweiht werden müsse«, sorgte dann aber für eine entsprechende Änderung der Namensgebung der Kirche, die am 13. August 1911 vom Hildesheimer Bischof Adolf Bertram geweiht wurde. Die große finanzielle Kraftanstrengung des mutigen
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und ehrgeizigen Kirchenneubaus hatte die Mittel der Gemeinde so sehr erschöpft, dass für Ausmalung, Orgel und Turmuhr zunächst kein Geld mehr zur Verfugung stand.
Maximilian Jagielski war nach der Berufung von Christoph Hehl auf den Lehrstuhl für mittelalterliche Baukunst an der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg (1894) zu dessen Nachfolger als führender Baumeister katholischer Kirchen in Hannover geworden. Jagielski, der auch als Mitarbeiter der in Hannover erschienenen Fachzeitschrift »Deutsche Bauhütte« tätig war, hat bis zu seinem frühen Tod zahlreiche katholische Kirchen entworfen. Darüber hinaus bewies er große Vielseitigkeit: Teilnahme an Wettbewerben für mehrere Flussbrücken, für die Stadthalle in Hannover und für einige Schulgebäude, Entwurf von Landhäusern, städtischen Wohn-, Geschäfts- und Mietshäusern.
Seine Leher Herz-Jesu-Kirche folgt den aktuellen Bemühungen um zeitgemäße Gestaltung im Kirchenbau ihrer Zeit. Weit entfernt von der früheren, dogmatischeren Neogotik der Hase- Schule zeigt sie ein stark abstrahiertes frühgotisches Formenvokabular in freier Kombination, eine malerische, städtebaulich wirksame Gruppierung, ein großzügiges Raumgefüge mit eigenwillig-expressiver Ausbildung von Gewölbe und Stützpfeilern und ausgesprochene Modernität im konstruktiven Bereich. Ihre Fortschrittlichkeit wird im direkten innerörtlichen Vergleich mit der noch nicht einmal zehn Jahre älteren, konventionell neugotischen evangelischen Pauluskirche sehr deutlich, deren Architekt der Hase-Schüler Wendebourg (Hannover) war. Jagielskis Kirchbauten wurden denn auch in Hermann August Waldners programmatischem Artikel »Entwicklung neuer Formen im Kirchen-