Heft 
(2005) Bd. 2. [Rathaus]
Seite
38
Einzelbild herunterladen
 

Denkmalpflege in Bremen Heft 2

Herbert Juling

Die jüngsten Restaurierungsmaßnahmen am Bremer Rathaus: Eine Betrachtung aus materialkundlicher Sicht

Im Frühjahr 2003 wurden die Restaurierungs­maßnahmen an der Renaissance-Fassade des mittlerweile als Weltkulturerbe unter den Schutz der UNESCO gestellten Bremer Rathauses ab­geschlossen. Im Vordergrund stand dabei nicht die Erneuerung akut gefährdeter Bereiche, son­dern eine prophylaktische Schließung von Fehl­stellen zur Vermeidung fortschreitender Verwit­terung. Der eine oder andere Bremer mag ent­täuscht gewesen sein, weil nach dem Abbau des Schutzgerüstes keine auf den ersten Blick er­kennbare Fassadenerneuerung auffiel. Aus denk- malpflegerischer Sicht allerdings war der Auf­trag gerade deshalb zur Zufriedenheit erfüllt.

Für die Konsolidierung des Mauerwerks wurden ausschließlich luftkalkgebundene Ma­terialsysteme verwendet. Dieses Material stellt hohe Ansprüche an die Verarbeitung, weist aber bauhistorische und baustofftechnische Vorteile gegenüber zementgebundenen oder hochhy­draulischen Mörtelmaterialien auf.

Um Daten über das Langzeitverhalten der eingebrachten Mörtel zu gewinnen und eine Bewertung von Vor- und Nachteilen der durch­geführten Restaurierung auf sachlicher Basis zu gewährleisten, ist eine über das normale Maß einer rein makroskopischen Beobachtung hin­ausgehende systematische Untersuchung ge­plant.

Es sollen Daten über das Langzeitverhalten der verwendeten kalkgebundenen Materialsys­teme gewonnen werden (Monitoring). Ausge­hend von der Erfassung des Ausgangszustandes der verwendeten Materialien, werden zerstörungs- freie/-arme Messungen durchgeführt und bei makroskopisch sichtbaren Veränderungen Klein­proben für die mikroskopische Analyse entnom­men.

Das Objektmonitoring wird durch die Er­mittlung technologischer Kennwerte an Prüfkör­pern im Labor abgerundet.

Durch die systematische Untersuchung der Zusammenhänge zwischen Verarbeitung und Eigenschaftsentwicklung dieses historischen Materials ist ein technologischer Fortschritt insbesondere auch für die Erhaltung anderer historischer Denkmäler Bremens zu erwarten.

Durch ein rechtzeitiges Erkennen von Ver­änderungen am Bauwerk und, hieraus resultie­rend, die zeitnah zu veranlassenden Wartungsar­beiten mit Verwendung geeigneter und geprüfter Restaurierungsmaterialien wird die Nachhaltig­keit der Restaurierungsmaßnahmen erzielt.

Baustoffkundliche Aspekte

Zur Erbauungszeit unserer heutigen Kulturdenk­mäler kam in erster Linie als Mauer- und Ver­fugmörtel reiner Kalkmörtel zum Einsatz. Die Erhärtung dieses Materials erfolgt chemisch durch die so genannte Karbonatisierung, d.h. die Bildung von Calciumcarbonat (CaCO,) aus dem Calciumhydroxid (Ca(OH) 2 ) des ge­löschten Kalkes und dem Kohlendioxid (C0 2 ) der Luft. Daher bezeichnet man diesen Baustoff auch als Luftkalkmörtel. Die Karbonatisierung, also die Bildung eines dauerhaften Bindemittels, benötigt allerdings relativ viel Zeit.

Demgegenüber stehen so genannte hydrau­lische Kalkmörtel, deren bewusster Einsatz im 19. Jahrhundert erfolgte. Im Gegensatz zu den Luftkalkmörteln wird das Bindemittel teilweise oder ganz durch die chemische Reaktion mit Wasser gebildet (Hydratation). Im Mörtelmate­rial vorhandene reaktive Calciumsilikate (CS-