Heft 
(2005) Bd. 2. [Rathaus]
Seite
59
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Kirsch - Instandsetzung und Umnutzung des Speichers XI

Rolf Kirsch

Instandsetzung und Umnutzung des Speichers XI im ehemaligen Bremer Überseehafen

Der heutige Speicher XI im ehemaligen Bremer Uberseehafen mit seiner imposanten Länge von knapp 400 Metern und einer Lagerfläche von 37.370 Quadratmetern entstand aus der beim Wiederaufbau 1947-1949 vorgenommenen Zu­sammenfassung der 1910-1912 erbauten beiden Speicher XI und XIII: In die Lücke zwischen den beiden ursprünglich selbständigen Gebäu­den wurde ein in Geschossteilung und Bauhöhe angepasstes Zwischenstück eingegliedert, das als Betriebsgebäude konzipiert war. Die Speicher XI und XIII gehörten zu den wenigen Hoch­bauten im Freihafengebiet, die den Zweiten Weltkrieg mit leichteren bzw. reparablen Schä­den überstanden hatten. Durch seine Größe und seine eindrucksvolle Gestaltung steht der heutige Speicher XI als markantes Symbol für die alten stadtbremischen Freihäfen. Er ist im Bereich der Hochbauten der wesentliche Rest des 1901-1906 unter Leitung von Baudirektor Hermann Bücking und Baurat Eduard Suling entstandenen und 1911/1912 erstmals erweiter­ten Freihafens II (später: Überseehafen). Nach der Verfüllung des Hafenbeckens (1998) und dem bald darauf folgenden Abriss sämtlicher Schuppen und Krane an der Kaje ist der Koloss gleichsam gestrandet, sein Wert als Erinnerungs­zeichen aber vielleicht noch gestiegen.

Den Entwurf für die Speicher XI und XIII fertigte Architekt Georg Ludwig Nause von der bremischen Bauinspektion. Die Speicher besa­ßen massive, z.T. verputzte Backsteinaußen­mauern und massive Zwischenwände, die sie in acht bzw. sieben Abteilungen oder Segmente unterteilten. Die Zwischenböden und die flach geneigte Pultdachkonstruktion wurden durch ein Innenskelett, bestehend aus einzelnen auf Betonfundamenten gegründeten mächtigen Pfei­lern und aus Unterzügen, gestützt. Pfeiler und

Unterzüge waren ursprünglich als Flusseisen­konstruktion geplant. Stattdessen realisierte man jedoch Eisenbetonpfeiler und ummantelte Eisenunterzüge. Bei der Instandsetzung nach dem Kriege wurde in den geschädigten Abtei­lungen ein neues Eisenbetonskelett errichtet. Ein als Zwerchhaus ausgebildetes gemeinsames Treppenhaus erschloss je zwei Segmente. Die Treppenhäuser beherbergten zusätzlich zwei Lastenaufzüge und besaßen zwei vertikale Rei­hen von Ladeluken mit jeweils gemeinsamer, vorkragender Ladeplattform. Das Grundprinzip der jeweils in einer Geschossebene zwei Seg­mente erschließenden vertikalen Verkehrstrakte war bereits bei der ersten und zweiten Genera­tion der älteren Speicher am Freihafen I (Euro­pahafen) verwendet worden, so dass der Spei­cher XI nach der Kriegszerstörung sämtlicher alter Speicher am Europahafen noch den ur­sprünglichen Speichertyp des ersten modernen Hafenbeckens nach der Weserkorrektion an­klingen lässt. Dem Architekten gelang es, die großen Baumassen so geschickt zu gliedern, dass selbst nach der Zusammenfassung der beiden Speicher die lange Fassade nicht monoton wirkt. Dies wird vor allem erreicht durch die andeu­tungsweise an die schmalen giebelständigen Speicher der alten Hansestädte erinnernden, über die Trauflinie hinausragenden Treppenhäu­ser und die zwischen ihnen liegenden zusätzli­chen Ladelukenreihen mit niedrigeren Zwerch­giebeln, aber auch durch den Wechsel von backsteinsichtigen und verputzten Fassadenbe­reichen. Im Vergleich zu den ehemaligen, noch neogotisch geprägten älteren Speichern des Eu­ropahafens ist die Ornamentik, das Historisie­rende zwar zurückgedrängt, doch ist ein unde- korierter Zweckbau noch nicht gewollt. Diese vermittelnde Position ist durchaus zeittypisch.