Kirsch - Instandsetzung und Umnutzung des Speichers XI
Rolf Kirsch
Instandsetzung und Umnutzung des Speichers XI im ehemaligen Bremer Überseehafen
Der heutige Speicher XI im ehemaligen Bremer Uberseehafen mit seiner imposanten Länge von knapp 400 Metern und einer Lagerfläche von 37.370 Quadratmetern entstand aus der beim Wiederaufbau 1947-1949 vorgenommenen Zusammenfassung der 1910-1912 erbauten beiden Speicher XI und XIII: In die Lücke zwischen den beiden ursprünglich selbständigen Gebäuden wurde ein in Geschossteilung und Bauhöhe angepasstes Zwischenstück eingegliedert, das als Betriebsgebäude konzipiert war. Die Speicher XI und XIII gehörten zu den wenigen Hochbauten im Freihafengebiet, die den Zweiten Weltkrieg mit leichteren bzw. reparablen Schäden überstanden hatten. Durch seine Größe und seine eindrucksvolle Gestaltung steht der heutige Speicher XI als markantes Symbol für die alten stadtbremischen Freihäfen. Er ist im Bereich der Hochbauten der wesentliche Rest des 1901-1906 unter Leitung von Baudirektor Hermann Bücking und Baurat Eduard Suling entstandenen und 1911/1912 erstmals erweiterten Freihafens II (später: Überseehafen). Nach der Verfüllung des Hafenbeckens (1998) und dem bald darauf folgenden Abriss sämtlicher Schuppen und Krane an der Kaje ist der Koloss gleichsam gestrandet, sein Wert als Erinnerungszeichen aber vielleicht noch gestiegen.
Den Entwurf für die Speicher XI und XIII fertigte Architekt Georg Ludwig Nause von der bremischen Bauinspektion. Die Speicher besaßen massive, z.T. verputzte Backsteinaußenmauern und massive Zwischenwände, die sie in acht bzw. sieben Abteilungen oder Segmente unterteilten. Die Zwischenböden und die flach geneigte Pultdachkonstruktion wurden durch ein Innenskelett, bestehend aus einzelnen auf Betonfundamenten gegründeten mächtigen Pfeilern und aus Unterzügen, gestützt. Pfeiler und
Unterzüge waren ursprünglich als Flusseisenkonstruktion geplant. Stattdessen realisierte man jedoch Eisenbetonpfeiler und ummantelte Eisenunterzüge. Bei der Instandsetzung nach dem Kriege wurde in den geschädigten Abteilungen ein neues Eisenbetonskelett errichtet. Ein als Zwerchhaus ausgebildetes gemeinsames Treppenhaus erschloss je zwei Segmente. Die Treppenhäuser beherbergten zusätzlich zwei Lastenaufzüge und besaßen zwei vertikale Reihen von Ladeluken mit jeweils gemeinsamer, vorkragender Ladeplattform. Das Grundprinzip der jeweils in einer Geschossebene zwei Segmente erschließenden vertikalen Verkehrstrakte war bereits bei der ersten und zweiten Generation der älteren Speicher am Freihafen I (Europahafen) verwendet worden, so dass der Speicher XI nach der Kriegszerstörung sämtlicher alter Speicher am Europahafen noch den ursprünglichen Speichertyp des ersten modernen Hafenbeckens nach der Weserkorrektion anklingen lässt. Dem Architekten gelang es, die großen Baumassen so geschickt zu gliedern, dass selbst nach der Zusammenfassung der beiden Speicher die lange Fassade nicht monoton wirkt. Dies wird vor allem erreicht durch die andeutungsweise an die schmalen giebelständigen Speicher der alten Hansestädte erinnernden, über die Trauflinie hinausragenden Treppenhäuser und die zwischen ihnen liegenden zusätzlichen Ladelukenreihen mit niedrigeren Zwerchgiebeln, aber auch durch den Wechsel von backsteinsichtigen und verputzten Fassadenbereichen. Im Vergleich zu den ehemaligen, noch neogotisch geprägten älteren Speichern des Europahafens ist die Ornamentik, das Historisierende zwar zurückgedrängt, doch ist ein unde- korierter Zweckbau noch nicht gewollt. Diese vermittelnde Position ist durchaus zeittypisch.