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gehen dann daran ganz und gar auf eigenen Füßen zu stehen. Aber Südamerika wird eine solche Entwickelung nicht wollen, weil es sie nicht wollen kann. Mittelafrika ist durch sein politisches Gewicht und die wirtschaftliche Bedeutung, die wir und unsere Verbündeten ihm zu verleihen vermögen, ein so mächtiger Faktor im großen Weltwirtschaftskampf, daß er von niemand, und am allerwenigsten von Südamerika, übersehen werden kann. Vergessen wir auch nicht die große Rolle, welche die Araber in Mittelafrika gespielt haben. Wenn sie veranlaßt werden, sich, ihre Kapitalien und ihre Anhänger in den Dienst der deutschen Sache zu stellen, bekommt sie auch von dieser Seite einen starken Anstoß und gewinnt sie Sympathien bis an die Ränder des Mittelländischen Meeres. Wenn sich die ganze Welt gegen uns stellen wollte, schlummern auch gewaltige Möglichkeiten in dem Gedanken: Mitteleuropa— Mittelafrika.
VII. Die Einrichtung Deutsch-Mittelafrikas.
Da man auf vorhandenem Grunde aufbauen muß, wollen wir von der tatsächlichen wirtschaftlichen Lage der vier Hauptgebiete Mittelafrikas (Deutsch-Ostafrika, Französisch Aequatorialafrika, Belgisch Kongo und Kamerun) vor dem Kriege ausgehen.
Daß die wirtschaftliche und Finanzlage der beiden deutschen Kolonien eine höchst zufriedenstellende war, darf als bekannt vorausgesetzt werden. Doch mögen für diejenigen, die nicht ganz im Bilde sind, wenige Zahlen angeführt werden.
Deutsch-Ostafrika hatte 1602 km Eisenbahn im Betrieb; auf dem 620 km langen Tanganjika-See schwamm ein 1150t großer Dampfer. Die weiße Bevölkerung war auf 6000 Köpfe gestiegen. Die plantagenmäßig bestellte Fläche war 106292 ha groß, wovon 56753 ertragsfähig waren. Der Außenhandel war auf 89 Millionen Mark im Werte angewachsen; die eigenen Einnahmen der Kolonie betrugen über 16 Millionen Mark. Sie konnte über 6'/ 3 Millionen Mark für Verzinsung der Eisenbahnanleihen selber tragen und hatte eine neue wichtige Verkehrslinie von 400 km Länge im Bau. Die Zolleinnahmen betrugen etwa 5V-; Millionen Mark.
Kamerun war lange zurückgeblieben, weil mit Verkehrsanlagen wenig bedacht. Aber die Kolonie hatte einen Handel von 64 Millionen Mark, eigene Einnahmen von mehr als 11 Millionen Mark, und ihre Finanzgebarung war durchaus gesund. In den Etat für 1914 konnte allein für Wege- und Brückenbauten ein Betrag von 1565000 Mark eingesetzt werden.