I. Einleitender Abschnitt.
1. Begriff und Bedeutung der Kolonisation.
Friedrich List hat einst seine so knappe wie gedankenreiche Charakteristik der Wesenszüge einer „normalmäßigen Nation" mit den Worten geschlossen:
„Ihr wohnt die Kraft bei, auf die Kultur minder vorgerückter Nationen zu wirken und mit dem Uberschuß ihrer Bevölkerung und ihrer geistigen und materiellen Kapitale Kolonien zu gründen und neue Nationen zu zeugen." 1 )
Dieser Satz — ausgesprochen fast ein halbes Jahrhundert vor dem Eintritt Deutschlands in die Reihe der Kolonialmächte — mochte wohl den Zeitgenossen des großen Volkswirtes fremd und willkürlich erscheinen. Und doch zeigt er die tiefe geschichtliche Erkenntnis, daß die Kolonisation nicht eine vereinzelte, auf ganz besonderen örtlichen und zeitlichen Voraussetzungen beruhende Erscheinung, sondern daß sie einen der dauernden Grundzüge der wirtschaftlichen und kulturellen Gesamtentwicklung der Menschheit darstellt, daß sie in der Tat zu den „normalen" Betätigungen jeder großen Kulturnation gehört.
Immer deutlicher läßt die moderne Forschung ermessen, welch große, ja entscheidende Rolle der kolonialen Entwicklung in allen geschichtlichen wie vorgeschichtlichen Epochen zugefallen ist. Schon der kürzeste Überblick zeigt ihre Bedeutung.
Die alten Kulturzentren, die sich bereits in frühester Zeit in den leicht zugänglichen und für jede Art der Bearbeitung dankbaren Flußgebieten des heutigen Indiens, Chinas (und zwar nach dem gegenwärtigen Stande der Forschung vermutlich zunächst im Norden des Landes, im Hoanghogebiete), Mesopotamiens und Ägyptens gebildet hatten, haben ihre Einflußsphären weithin ausgedehnt. Von Asien aus haben mannigfache kolonisatorische Einflüsse, die im einzelnen vielfach
i) Fr. List, Das nationale System der politischen Ökonomie, zuerst erschienen 1841; VII. Aufl., herausg. v. Eheberg, 1883, S. 154.
Kölner, Einführung in die Kolonialpolitik. 1