Vorwort.
Schon vor 60 Jahren, als Altmeister Roscher zum ersten Male daran ging, „Systematische Untersuchungen über das Kolonialwesen" herauszugeben, begann er mit der Bemerkung, daß der Stoff eine kaum absehbare Ausdehnung habe: „Wer die Lehre von den Kolonien vollständig erschöpfen wollte, der müßte eigentlich eine Länder- und Völkerkunde, eine Geschichte und Statistik fast des ganzen bewohnten Erdkreises liefern."
Und doch erscheint das zu jener Zeit zu bewältigende Material uns heute verhältnismäßig beschränkt gegenüber der Ausdehnung, die es seither durch die Entstehung weiter neuer Kolonialgebiete erfahren hat. Fast mehr aber noch als diese äußere Ausdehnung ist in den letzten Jahrzehnten die Intensität des kolonialen Interesses bei allen Nationen, vor allem aber in Deutschland infolge des Eintritts des Reiches in die Reihe der aktiven Kolonialmächte gestiegen. Roscher hat von den ersten Ausgaben seiner Schrift später gesagt, sie seien „bloß für die Gelehrtenwelt bestimmt" gewesen, „wie sich denn auch zu jener Zeit, bei aller Stärke der deutschen Auswanderung, nur ein sehr kleiner Teil unseres Volkes wissenschaftlich für die Kolonien interessierte." Er selbst hat noch in der Vorrede zur letzten Auflage (1885) 1 ) hinzufügen können: „Das ist Gottlob heutzutage anders geworden". In den Jahrzehnten, die seither abermals verflossen sind, hat die äußere Politik der Mächte überwiegend unter dem Zeichen überseeischer und kolonialer Fragen gestanden und auch der inneren Politik beginnen diese mehr und mehr ihren Stempel aufzudrücken, wie es die jüngsten deutschen Vorgänge deutlich lehren.
Dieser Entwicklung gegenüber ist die Aufgabe der kolonialen Wissenschaft eine besonders schwierige und verantwortungsvolle, indem sie jenem gesteigerten Interesse für die drängenden praktischen Aufgaben auf kolonialem Gebiete gerecht werden soll und auf der anderen Seite doch
1) Vgl. unten die Literaturangaben im Abschnitt I.