Augen erhebt sich nochmals eine, diesmal aber nur wenig ansteigende Terrainstufe, welche immer noch die Basis der beiden Berge Kibo und Kimawensi verdeckt.
Die Vegetation, d. h. die Gräser und krautigen Gewächse, nimmt nun ein völlig graues Aussehen an, da die Blätter und Stengel gegen die Unbilden des Hochgebirgsklimas von einem feinen schützenden Haarpelz genau wie unser alpines Edelweifs überzogen sind; nur die Blüten leuchten in Gelb und Violett. Andre Farben an Blumen sieht man nicht mehr. Die Ränder des murmelnden Bächleins, an dem wir von dem kleinen Wasserfall entlang aufwärts wanderten, bilden den einzigen grünen Streifen im Graubraun der Landschaft. Gelb blühende Ranunkulaceen und Strohblumen vermehren den Eindruck der Ähnlichkeit mit unsrcr heimischen Flora aufserordentlich, aber die Eigenart der vulkanischen Wälle zur Rechten und Linken des Bachthaies läfst die Illusion nicht vollständig werden.
In der Nähe eines grofsen Felsblockes erreichten wir eine Stunde später die Quelle des Bächleins, der ich wegen der Anwesenheit des ersten Schneefleckes im Schatten des Felsens den Namen „Schneequelle" gab. Ihre Seehöhe ist 3970 m. Da der Tag schon zu weit vorgeschritten war und der Ort sich als Wasserplatz gut eignete, liefs ich unter dem Windschutz des Felsens das Zelt aufschlagen, während sich meine Leute in einer Höhle des nahebei steil aufsteigenden Lavawalles nach Möglichkeit wohnlich einrichteten.
Von gröfsern Tieren beobachtete ich in dieser Höhe nur den schon weiter unten am „Seneciobach" gesehenen Steinschmätzer; in mehreren der Lavahöhlen bemerkte ich jedoch Losung eines Klippschliefers. Insekten sind mehrfach vertreten.
Der erste Schnee war für' meine Leute natürlich ein Gegenstand des Staunens und des Mifstrauens, bis ich ihnen durch selbsteignes Verzehren bewies, dafs die weifse „Daua" (Medizin, Zauber) gar nichts Furchtbares an sich habe. Die Stimmung der Burschen blieb aber infolge der ihnen unheimlichen Stille der Natur und der mit einbrechender Nacht rasch zunehmenden Kälte eine äufserst gedrückte. Sic hockten in ihrer Höhle stumm und zitternd um das mit trocknen Krautstengeln genährte Feuer herum und liefsen mich für den kommenden Tag wenig Gutes erhoffen.
Bei 5° C. Kälte trieb ich am frühen Morgen des 10. Juli zum Aufbruch. Der schneeige Gipfel des Kibo strahlte uns im Lichte der Frühsonne in entzückender Klarheit entgegen; seine untere Hälfte sowie der ganze Kimawensi waren durch die vorliegende Terrainstufe verdeckt. Aber gerade dieses geheimnisvolle Funkeln der Firnhaube schüchterte meine Leute völlig ein. Nur drei, unter ihnen mein Faktotum Msuri, erklärten sich zögernd zum Weitermarsch bereit. Ich liefs deshalb das grofse Zelt mit den fünf Mutlosen zurück, gab an den vertrauenswürdigen Mstcri meinen hier oben doppelt wertvollen photographischen Apparat, an den zweiten Mann das kleine Zelt nebst Decken, an den dritten Brennmaterial und Lebensmittel für drei Tage zum Tragen und übernahm selbst mit Herrn von Eberstein den Transport der Mefsinstrumente, Wasserflaschen und Steigutensilien. Alles andre, auch die Waffen blieben als überflüssig zurück.
Die obere Fortsetzung desselben Lavafeldes, auf dem wir am Tage vorher emporgestiegen waren, weiter verfolgend, erreichten wir nach ca. 3500 Schritt eine Stelle auf dem trümmerbesäeten Lavafeld, von wo sich plötzlich eine Aussicht auf die beiden Berge und auf das zwischenliegende Terrain eröffnete (s. Bild Nr. 8). Mit Einem Blick war nun zu erkennen, dafs wir eine vulkanische Hochebene vor uns hatten, welche im Westen den Kibo, im Osten den Kimawensi und zwischen beiden noch sechs kleinere vulkanische Hügel trägt. Wir selbst standen auf dem Lavafeld, das vom ersten, dem Kimawensi nächsten und stark verwitterten Hügel seinen Ursprung nimmt, waren also, da wir dem Kibo zustrebten, viel zu weit nach Ost geraten. Ich schwenkte deshalb aus der bisherigen Nordrichtung scharf nach WNW. ab, wo ich am Fufs der drei kleinern, dem Kibo nächsten Hügel eine geeignete Stelle für ein Biwak vermutete. Von unserm erhöhten Standpunkt ging es hinab in ein mit wenigen grofsen Auswurfblöcken bestandenes, ebenes und grün schimmerndes Quellthal, jenseits wieder hinauf auf einen hoch gewölbten Lavawall, der am zweiten, ebenfalls stark zersetzten Lavakegel entspringt, und drüben hinunter auf ein breites, vom dritten Hügel ausgehendes Aschenfeld, das uns in geringer Steigung zu dem von fern erwählten Biwakplatz hinleitete.
In der ersten Nachmittagsstunde waren wir am Ziel. Zwischen einigen grofsen Lavatrümmern wurde das Zeltchen aufgeschlagen und sofort Thermometer und Hypsometer aufgestellt. Da es mir möglich erschien, von hier aus in einem Tag den Oberrand des Kibokraters zu erreichen, auch das kleine Zelt nicht Raum für mehr als zwei Personen hatte und die Nacht klar, also sehr kalt zu werden versprach,