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I.
An der Stelle, wo der Rufiyi in mächtigem Delta seine Fluten in den indischen Ocean ergiefst, ist der deutsch-ostafrikanischen Küste eine Kette von Inseln vorgelagert, die nach der Hauptinsel Mafia füglich als Mafia-Gruppe zusammengefafst werden können. Sie bilden den südlichsten Teil des Sansibar-Archipels und den einzigen, der nach dem deutsch-englischen Abkommen vom X. Juli 1890 in deutschem Besitz verblieben ist. Sämtliche Inseln sind reine Korallen- Eilande, die dem Wallriff der ostafrikanischen Küste angehören; nur auf Mafia finden sich Spuren älterer Kalke.
Die größeren Inseln der Gruppe sind seit Menschengedenken bewohnt, die kleineren dienen Fischern als vorübergehender Aufenthalt.
Die Hauptinsel Mafia ist das südlichste der drei grofsen Eilande des Sansibar-Archipels. Es ist zugleich das kleinste und küstenreichste und weicht in vieler Beziehung von den beiden nördlichen Inseln Sansibar und Pemba ab. Was den Namen Mafia anbelangt, so ist es zweifelhaft, ob derselbe Kiswahili-Ursprunges ist. Wenigstens nennen Eingeborene sowohl als fremde Swahili die Insel niemals Mafia, sondern stets Chole 1 . Dabei unterscheiden sie unter Chole mjini, d. h. der Stadt Chole, die auf dem gleichnamigen Inselchen gelegen ist, und Chole shamba, worunter die Hauptinsel Mafia verstanden wird, auf der fast keine geschlossenen Ortschaften, sondern nur Landgüter, Schambas, gelegen sind. Der Name Mafia (spr. Mafia) tritt in der eingeborenen Nomenklatur nur als Kisimani-Mafia, einer Örtlichkeit am Westkap, auf. Dagegen pflegen die Araber die Insel meist mit diesem Namen (von ihnen gesprochen „Mäfya") zu bezeichnen, unter welchem sie auch in der Geschichte vorkommt.
Mafia, in den Chroniken oft auch Monfia genannt, soll schon um das Jahr 1000 n. Chr. dem Reiche des ersten shirazischen Sultans von Kilwa einverleibt worden sein. Nach de Barros 2 schickte Ali bin Hassan,
1 Da es sich hier um ein reines Swahili-Gebiet handelt, so wurde die Steere'sche Kiswahili-Orthographie für alle Eigennamen beibehalten. Neben „Chole" hat auch die deutsche Schreibart „Tschole" Berechtigung. Unbedingt falsch ist jedoch „Schole".
3 Siehe Guillain, Documents sur l'Afrique Orientale, Paris 1856.