Krach | Schwartz - Markante Siedlungsprojekte der Nachkriegszeit in Bremen
Melina Krach und Uwe Schwartz
Markante Siedlungsprojekte der Nachkriegszeit in Bremen: Die Gartenstadt Vahr (1954-1957) und die Großwohnanlage »Großer Kurfürst« (1969-1972)
Der Bremische Stadtteil Vahr gehörte schon im Mittelalter zum Bremer Landgebiet, war aber bis 1945 noch überwiegend landwirtschaftlich geprägt, zahlreiche Gärtnereien hatten sich bis dahin hier niedergelassen. Insbesondere wegen des feuchten Baugrunds war eine Ansiedlung wenig attraktiv gewesen. Nur ganz vereinzelt hatten sich kleinere bürgerliche Sommerhäuser in die bäuerliche Besiedelung entlang der Vahrer Straße integriert, die großen Sommersitze der wohlhabenden Bremer Bürger befanden sich traditionell in der Nähe der Vorwerke Horn (Riensberg) und Oberneuland (Hodenberg) oder am anderen Ende der Stadt in Bremen-Nord. Als der Bremer Senat 1954 nach geeigneten Flächen für die Erschließung von Bauflächen für die Anlage einer Großsiedlung von bisher in Bremen, aber auch im gesamtdeutschen Maßstab noch nicht projektierter Größe ansetzte, konnten Stadtplaner und Architekten daher in einer bis dahin selten unabhängigen Form städtebauliche und - damit gleichzeitig auch eng verbunden - sozialpolitische Ziele verfolgen. Das macht die damals neu entstandenen Stadtteile Gartenstadt Vahr und Neue Vahr zu etwas Besonderem im Stadtgefüge Bremens.
Die Aufgabe für ein wahrhaft gewaltiges Wohnungsbauprogramm hatte sich durch die Vernichtung von Wohnraum infolge der Bombardierung der Alliierten im Zweiten Weltkrieg und dann auch noch einmal durch die Aufnahme Vertriebener aus den deutschen Ostgebieten als drängend dargestellt. Nach Kriegsende war von staatlichen Stellen, Wohnungsbaugesellschaften und privaten Hauseigentümern mit der Enttrümmerung und dem Wiederaufbau der Stadt begonnen worden. Dabei hatte man
sich jedoch an der vorhandenen Eigentumsund der durch den Luftkrieg zumeist nicht zerstörten Tiefbaustruktur orientiert, ein Wert, der angesichts knapper Materialressourcen in der unmittelbaren Nachkriegszeit selbstverständlich berücksichtigt wurde. Es gab zwar Ausnahmen von dem Prinzip des Wiederaufbaus auf den alten Fundamenten - beispielsweise die ECA-Siedlung 1952 im außerordentlich stark zerstörten Bremer Westen -, eine systematische Erschließung von Baugrund für den Siedlungsbau begann in Bremen aber erst Mitte der Fünfziger Jahre. Die 1954-1957 errichtete Wohnsiedlung Gartenstadt Vahr markiert den Beginn einer systematischen Stadterweiterung Bremens und gehört auch im bundesweiten Vergleich zu den frühen Beispielen einer »Organischen Stadtbaukunst«, wie diese Form des aufgelockerten und gegliederten Städtebaus in Bezugnahme auf Veröffentlichungen Hans Bernhard Reichows aus den Jahren 1948/1949 1 auch genannt wurde. Der Hamburger Architekt und Stadtplaner Hans Bernhard Reichow (1899-1974) war auch direkt beteiligt am städtebaulichen Rahmenplan für die Großsiedlungen in der Vahr. Denn als Bauträger für das Großbauvorhaben in der Vahr hatte man sich in Bremen mit dem gewerkschaftseigenen Baukonzern »Neue Heimat« geeinigt, in dem der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) zwischen 1952 und 1954 alle ehemals gewerkschaftseigenen Baugesellschaften vereinigte, darunter auch die Bremer Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft (GEWOBA). Sitz der Neuen Heimat war Hamburg, erster Planungsleiter wurde der schon mit seinen Frankfurter Großsiedlungen (Neues Frankfurt) in der Weimarer Zeit bekannt gewordene Ernst May (1886-1970).