Heft 
(2022) Bd. 19. Siedlungen
Seite
93
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Schräder - Das Scharnhorstquartier in Bremerhaven

Tim Schräder

Das Scharnhorstquartier in Bremerhaven -

ein städtebaulich und architektonisch anspruchsvolles

Wohnviertel der 1920er-Jahre

Geschlossene, langgestreckte Wohnblöcke mit hoch aufragenden Klinker- und Putzfassaden in zurückhaltender Formensprache - so präsen­tiert sich das sogenannte Scharnhorstquartier im Stadtteil Mitte der Seestadt Bremerhaven. Auf den ersten Blick wirkt das Viertel zwischen Gneisenaustraße, Bürgermeister-Smidt-Straße (ehem. Kaiserstraße), Kantstraße und Waldemar- Becke-Platz eher unscheinbar. Schaut man aller­dings etwas genauer hin und taucht in die Bau­geschichte der Gebäudegruppe ein, wird schnell klar: Dieses Wohnviertel ist sozial-, architektur- und städtebaugeschichtlich ein besonderes Zeugnis des Mietwohnungsbaus der Zwischen­kriegsjahre. Hier manifestiert sich nicht nur die Reformbewegung zur Verbesserung der Wohnsituation für breite Schichten der Be­völkerung, gleichzeitig kommt auch die klare Formensprache der Architektur der aufkom­menden Moderne zum Ausdruck. Ein Teil des Ensembles steht aus diesen Gründen seit 2009 unter Denkmalschutz. 1

Ein kurzer Rückblick: Wohnraummangel durch steigende Bevölkerungszahlen und ver­breitet schlechte Wohnverhältnisse bestimmten Anfang des 20. Jahrhunderts das Leben in vie­len Städten. Düstere, enge Räumlichkeiten, qualmende Öfen, kein fließendes Wasser und Gemeinschafts toiletten im Hinterhof waren für viele Familien Wohnalltag. Die drängende Woh­nungsfrage beschäftigte auch die Stadt Bremer­haven. Julius Hagedorn (1874-1943), seinerzeit Stadtbaurat in Bremerhaven, setzte sich maß­geblich für den sozialen Wohnungsbau in der Seestadt ein. Auf Antrag Hagedorns beschloss die Stadt im Jahre 1921 ein städtisches Woh­nungsbauprogramm. Ziel war es, ein neues Wohnquartier mit bezahlbarem Wohnraum für

Topografische Grundkarte des Deutschen Reiches, Stand Januar 1931 Die Wohnanlagen I-XI sind der Auftakt zur Bebauung der Stadterweiterung Bremerhavens

Arbeiterfamilien zu realisieren und dabei gleich­zeitig großzügigere und gesunde Wohnverhält­nissen zu schaffen. In mehreren Bauabschnitten entstanden bis 1931 rund 500 Wohnungen. 2

Um dem vielerorts vorherrschenden Woh­nungselend ein Ende zu setzen, wurden die in Blockrandbebauung gestalteten Wohnhäuser höchst fortschrittlich und modern gestaltet. Große Fenster sorgten für ausreichend Tages­licht und frische Luft in den Wohnräumen. Die Wohnungen wurden mit eigenem Bade­zimmer und überwiegend mit Zentralheizung