Skalecki - Die Architektur der Bremer Domkirchen des 8. bis 11. Jahrhunderts
Georg Skalecki
Die Architektur der Bremer Domkirchen des 8. bis 11. Jahrhunderts - Versuch einer bauhistorischen Einordnung
Das Europäische Kulturerbejahr 2018 bietet Anlass und Rahmen für eine Beschäftigung mit der Geschichte Bremens im frühen Mittelalter und dabei auch Platz für eine Analyse der Stellung der Bremer Domkirchen des 8. bis 11. Jahrhunderts innerhalb der Architekturgeschichte. Gerade in den ersten 300 Jahren nach Gründung des Bistums kam dem Bremer Dom als Institution eine außergewöhnliche Funktion zu als eine Art Relaisstation zwischen dem römisch-christlich zivilisierten Frankenreich und dem noch weitgehend unerschlossenen europäischen Norden. Welchen Niederschlag diese herausragende Stellung auch in der Architektur gefunden hat, soll in dem vorliegenden Beitrag untersucht werden.
Karl der Große setzte Bremen mit der verantwortungsvollen Vermittleraufgabe als nördlichstes Bistum ein. Er steht wie kein anderer für das frühe Zusammenwachsen Europas und wurde bereits 1965 in Aachen in einer vielbeachteten Ausstellung unter der Schirmherrschaft des Europarates als erster »Europäer« gefeiert. 1 Was Karl in Bremen angestoßen hat, und was sich baulich am Dom unter seiner Regentschaft und der seiner Nachfolger bis ins frühe 12. Jahrhundert hinein ereignet hat, soll in dieser baugeschichtlichen Untersuchung mit neuen Ansätzen beleuchtet werden.
Trotz der zweifelsfrei herausragenden Stellung des Bistums Bremen, ab 847 sogar Erzbistum mit kaiserlichem, päpstlichem, politischem und religiösem Auftrag als »Rom des Nordens«, ist die Kenntnis von der Gestalt der jeweiligen Dombauten sowie deren Stellung innerhalb der Architekturgeschichte des frühen Mittelalters noch unzureichend erforscht. Die Gründe hierfür sind vielfältig und können hier nicht
erschöpfend beleuchtet werden. Im Wesentlichen resultiert die schlechte Forschungslage jedoch zum einen daraus, dass die Quellen zur Baugeschichte nach diversen Verlusten äußerst lückenhaft und, kritisch betrachtet, in Teilen auch anzuzweifeln sind. Zum anderen waren bisher keine wirklich bauforschenden detaillierten Untersuchungen des Bauwerks möglich. Eine archäologische Untersuchung des Mittelschiffs in den Jahren 1974/75 und 1979 während des Einbaus der Heizungskanäle im Boden brachte Spuren der Vorgängerbauten zutage, jedoch fehlt bis heute eine kritische Aufarbeitung dieser architektonischen Spuren in Form einer befundorientierten Chronologie und einer besonderen Einordnung der Ergebnisse in den architekturgeschichtlichen Kontext. Die sensationellen Funde der Bischofsgräber zogen die gesamte Aufmerksamkeit auf sich. Es gab bisher auch keine Ansätze, durch Analogieschlüsse die architektonischen Befunde der Vorgängerbauten zu interpretieren und so Aussagen zur ursprünglichen Gestalt des Bremer Domes zu machen. Die vom Ausgräber, dem Landesarchäologen Karl Heinz Brandt, bedauerten Beschränkungen spiegeln sich in seinem knappen Vorbericht von 1977 wider, dem dann keine weitere tiefergehende Analyse mehr folgte. 2 Jahrzehnte zuvor hatte 1931 Helen Rosenau einige Schürfungen im und am Dom durchgeführt, die angesichts der nur punktuellen Untersuchungen beachtliche Ergebnisse, hauptsächlich aber zum Dom des 11. Jahrhunderts, zutage förderten. 3 Darüber hinaus gab es nur wenige Einzelveröffentlichungen, die kaum erhellende Erkenntnisse beisteuern konnten, wobei der karolingische Dom meist kein wissenschaftliches Interesse hervorgerufen hat und