Denkmalpflege in Bremen Heft 16
Volker Scior
Vorstellungen vom Norden. Bremen und die Mission bis ans Ende der Welt vom 9. bis zum 12. Jahrhundert
Wenn man es etwas überspitzt formuliert, dann wurde der erste Bericht über eine deutsche Entdeckungsreise zum Nordpol im Jahr 1075 in Bremen verfasst - so jedenfalls haben es Teile der historischen Forschung gesehen. Denn ungefähr zu diesem Zeitpunkt schrieb Adam von Bremen seine Chronik, die sogenannte Hamburgische Kirchengeschichte (»Gesta Ham- maburgensis Ecclesiae Pontificum«). Und auch wenn der Titel suggeriert, es ginge um Hamburg, so entstand das Werk eben doch nicht dort, sondern in Bremen, wo sein Autor im 11. Jahrhundert Lehrer an der Bremer Domschule war. Gerade dieses in Bremen entstandene Werk enthält nun viele Vorstellungen über den Norden Europas. Es ist hierin ausführlicher und genauer als die restliche Historiografie, die wir aus dieser Zeit kennen. Ganz am Ende seiner langen Chronik berichtet Adam von Bremen von der erwähnten Fahrt, die man als Entdeckungsreise zum Nordpol interpretiert hat: Er schreibt, dass sich einige edle Friesen zur Zeit Bischof Alebrands von Bremen (wohl 1035-1043) auf eine Erkundungsfahrt (»causa pervagandi maris«) nach Norden begaben. 1 Sie verpflichteten sich durch einen Eid, die Frage zu überprüfen, ob es nördlich der Wesermündung noch Land gebe oder aber kein Land mehr - »nulla terra«, nur den endlosen Ozean. Von Friesland (»a littore Fresonum«) aus stachen sie in See. Dänemark (»Dania«) auf der einen, England (»Britannia«) auf der anderen Seite liegen lassend, gelangten sie zu den Orkneys (»Orchadae«). Diese ließen sie links, Norwegen (»Nortmannia«) rechts liegen, sodass sie nach langer Fahrt das eisige Island erreichten. Alle Inseln im Ozean hinter sich lassend, durchfuhren sie das Meer in Richtung auf die hinterste nördliche Achse (»ultima septentrionis axis«),
8
vielleicht den Nordpol. Dort empfahlen sie ihre Fahrt Gott und dem heiligen Bekenner Willehad, dem ersten Bremer Bischof. Plötzlich gerieten sie in die schwarze Finsternis des erstarrenden Ozeans - denn gleich hinter Island, so Adam, werde das Meer fest. Die starke Strömung des Ozeans zog die verzweifelten Seefahrer mit einem gewaltigen Sog dem Anfang seines Grundes entgegen, dem »chaos«, das alle Meeresströmungen einsaugen und wieder ausspeien soll. Während der Flutwirbel manche Schiffe mit sich fortriss, wurden die anderen durch die wieder ausgespiene Strömung rückwärts fortgetrieben. Die Seefahrer unterstützten diese rettende Bewegung durch kräftiges Rudern und landeten unverhofft (»insperate«) auf einer Insel, die durch ihre Befestigung mit hohen Felsen einer Burg glich. Die Bewohner dieser Insel lebten in Höhlen, vor denen un- ermesslich kostbare Gefäße aus Gold lagerten. Rasch nahmen die Friesen so viele Schätze an sich, wie sie konnten, und kehrten frohgemut zu ihren Schiffen zurück. Plötzlich sahen sie Menschen von erstaunlicher Größe (»mirae altitudinis«) hinter sich herkommen, »Menschen, die wir Zyklopen nennen«. Vor ihnen liefen Hunde her, die an Größe gewöhnliche Tiere bei Weitem übertrafen. Einen der Seefahrer konnten sie packen, er wurde sofort und vor ihren Augen zerfleischt. Die anderen aber erreichten die Schiffe und entrannen der Gefahr, obwohl ihnen, wie sie erzählten, die Riesen schreiend bis weit hinaus aufs hohe Meer folgten. So erreichten die Friesen, vom Glück geleitet, Bremen, wo sie dem Bischof (Alebrand) alles der Reihe nach schilderten. Und hier, in Bremen, dankten sie auch Christus und dem Bekenner Willehad für ihre Rückkehr und Errettung.