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IV.
Neuer Ausbau in den deutschen Kolonien.
s war ein für deutsche Verhältnisse ungewohnter
Anblick, den Leiter der Kolonialabteilung im Beginn des Jahres 1907 von Stadt zu Stadt in Nord und Süd eilen und in ungemein stark besuchten Volksversammlungen sein Programm entwickeln zu sehen. Bisher äußerte sich im günstigsten Falle der Staatsmann von einer Parlamentstribüne herab, aber das Vorbild französischer und englischer Minister hat offenbar bei uns Schule gemacht, und wir brauchen das nicht zu bedauern. Dernburg warf nun in seinen Versammlungen die Frage auf:^) Fühlt sich die Nation innerlich kräftig und stolz genug, eine einmal begonnene Kulturaufgabe nicht aufzugeben, fühlt sie sich reich genug, weitere Ausgaben zu machen, die nicht unmittelbar rentieren. Er stellt in den Vordergrund, daß ihm der Eingeborene der wichtigste Gegenstand der Kolonisation sei. Auf seine Umwandlung in einen zivilisierten, konsumsähigen und produktiven Menschen komme es an, das sei für ihn das Hauptproblem kolonisatorischen Wirkens. Wie hat man früher kolonisiert? Es kam der Händler, es kam die ^.6- vöiiturei-s LompAv^, und sie verkauften dem Eingeborenen, was er am liebsten haben wollte, den Schnaps, das „Feuerwasser", die Feuerwaffen. Man hat damit den Grund zur Zerstörung großer Massen gelegt. . . . Hat man früher mit Zerstörungsmitteln kolonisiert, so kann man heute mit Erhaltungsmitteln kolonisieren, und dazu gehören ebenso der Missionar wie der Arzt, die Eisenbahnen wie die Maschinen, also die fortgeschrittene theoretische und angewandte Wissenschaft auf allen Gebieten. Mit anderen Worten: Dernburg
*) Zielpunkte des deutschen Kolonialwesens. Berlin 1907.