VI. Die Masai und Wandorobbo.
as Volk, das mir während meiner ganzen vierjährigen afrikanischen Tätigkeit am interessantesten war, sind die Masai. Der Wunsch, sie und die von ihnen bewohnten wildreichen Jagdgründe kennenzulernen, ver- anlaßten mich seinerzeit, auf meinen Heimatsurlaub zu verzichten und weiter teilzunehmen an den strapazenreichen Arbeiten der Grenzexpedition durch dieses hochinteressante Gebiet hindurch bis zum Indischen Ozean.
Ein eigenartiger Zauber liegt in dem Wort „Masai". Sind sie docii als der kriegerischste aller ostafrikanischen Stämme bekannt und haben sowohl den englischen wie auch den deutschen Schutztruppen in vielen Kämpfen schwere Verluste beigebracht. Selbst das Schnellfeuer der Hinterlader hat oft den Ansturm der nur mit Hieb- und Stichwaffen ausgerüsteten Masai nicht abwehren können. Auf die umwohnenden Eingeborenen aber hat der Ruf: „Die Masai kommen" zum mindesten dieselbe Wirkung wie seinerzeit bei den Römern das Wort: „Hannibal ante Portas". Der persönliche Schneid der Masaikrieger, die nicht davor zurückschrecken, dem Könige der Tiere in freier Steppe nur mit dem langen Speer in der Eaust gegenüberzutreten, und ihre kriegerischen Tugenden müssen in jedem Mann vollste Sympathie erwecken. Ich gestehe ganz ehrlich, daß sowohl mein Freund Captain T. T. Behrens von der englischen Grenzkommission wie ich die Hoffnung hegten, uns einmal mit solchen Gegnern im Kampfe zu messen. Noch ein weiterer Umstand trat hinzu, der uns reizte, die Grenzexpedition durch die Masaisteppe hindurchzuführen; galt sie doch in dieser Gegend wegen Wassermangels und wegen des Fehlens ackerbautreibender Stämme für unpassierbar. Außerdem war uns bekannt, daß der damalige Gouverneur von Trotha, der nicht einmal wie wir an eine ganz bestimmte Marschrichtung gebunden war, sondern im Bogen weiter südlich die Steppe durchquerte, dieses nur mit Opfern an