Vorwort.
Immer schneller schleift und feilt die fortschreitende Kultur an den Sitten der sogenannten wilden Völker. Was sie zuerst anfasst und wo sie am vollständigsten glättet, ist gerade das dem Wilden Ureigene, worin sich sein Tun und Treiben, sein Denken und Empfinden am klarsten spiegelt. Am meisten trifft dies für solche Naturvölker zu, deren Sitten und Anschauungen mit unsern Grundsätzen von Zivilisation in scharfem Gegensatz stehen und die ein ganz neues Leben beginnen müssen, wenn sie nicht untergehen wollen. Dies gilt natürlich vor allem für die Nomadenvölker und besonders für die kriegerisch veranlagten unter ihnen, wie es die Masai sind. Immer dringender tritt daher an uns Europäer, die wir unter jenen Völkern leben, die Aufgabe heran, unser Wissen über sie zu vervollständigen und zu ergänzen, ehe es zu spät ist.
Neben diesem wissenschaftlichen Ziel verfolgt die Erforschung der Eingeborenen unserer Kolonien auch noch einen praktischen Zweck. Die Zeiten, während welcher wir mit der Waffe die Anerkennung der deutschen Herrschaft erzwingen und die Eingeborenen, welche durch ihre nahezu ununterbrochenen Kriegs- und Raubzüge gegen einander das Land verwüsteten und die Bevölkerung verringerten, mit Gewalt zur Ruhe bringen mussten, sind nahezu vorüber. In ernster Friedensarbeit müssen sie nun zu dem erzogen werden, was sie zum eio-enen und zu des Landes Nutzen werden sollen. Wo und wie der Erzieher
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zur Erreichung dieses Zieles aufklärend und belehrend wirken muss, lehrt ihn die Kenntnis vom Denken und Empfinden, vom Charakter und den Sitten der Leute.
In der vorliegenden Studie bringe ich nur das, was ich mit Sicherheit feststellen konnte. Beim Zusammentragen ihres Inhaltes beobachtete ich den Grundsatz, die Leute frei erzählen zu lassen und erst dann direkte Fragen zu stellen, wenn es sich um eine Kontrolle der Richtigkeit des bereits Notierten handelte. Ich bin überzeugt, dass nur dieses — allerdings sehr zeitraubende und daher für den Forschungsreisenden oft genug unmögliche — Verfahren Resultate liefern kann, die durch das Denken des forschenden Europäers un- beeinflusst sind und daher das Empfinden des Wilden ungetrübt wiederspiegeln.
Ueber die Entstehung der ersten beiden Kapitel des vierten Abschnittes, die Ueberlieferung aus der Urzeit und eine vergleichende Betrachtung der