Achim Todenhöfer
Die ehemalige Tabak- und Zigarettenfabrik der Martin Brinkmann AG in Woltmershausen. Vergangenheit und Gegenwart eines Industriedenkmals
Eine kurze Geschichte des Tabaks in Bremen
Neben vielen anderen in Bremens Häfen umgeschlagenen Rohstoffen gehörte der Tabak zusammen mit Kaffee, Kakao und Tee wohl zu den populärsten Rohstoffen in Bremens Handelssortiment. Der Konsum von Tabak, der Handel und die Verarbeitung sowie auch die wissenschaftliche Beschäftigung mit diesem Rohstoff reicht in der Geschichte der Hansestadt weit zurück: Vermutlich ab dem 17. Jahrhundert wurde während der Schaffermahlzeit - einem der ältesten deutschen Charityevents (gegründet 1545) zugunsten bedürftiger Seefahrer - ebenso ausdrücklich geraucht wie bei dem erst in den 1950er-Jahren gegründeten Bremer Tabak-Collegium, einem bekannten elitär-libertären Gesprächsclub. Der Bremer Arzt und Philosoph Johann Neander (1596 bis zirka 1630) veröffentlichte 1622 mit seiner Tabacologia ferner die früheste Abhandlung über den Tabak zur medizinischen Anwendung. Bereits 1832 übertraf Bremens Tabakhandel den ganz Hollands, das bis dahin die europäischen Märkte dominierte. Mit dem Aufkommen der Zigarren seit dem frühen 19. Jahrhundert wurden diese in unzähligen kleinhäuslichen Heimund Familienbetrieben in den proletarisch geprägten Stadtteilen Bremens in Handarbeit hergestellt. Um 1850 war nach der Historikerin Dagmar Burgdorf jeder sechste Bremer in der Zigarrenindustrie tätig. 1 Bis zum Jahre 1878 entwickelte sich Bremen laut Andrea Hauser zum ersten Tabakmarkt Deutschlands: »Über 3/5 des deutschen Bedarfs an Tabak wurde nun über Bremen eingeführt.« 2 Noch in der 2. Hälfte des 20. Jahrhundert wurden auf der Tabak-
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börse der Deutsch-Indonesischen Tabakhandelsgesellschaft (DITH) im Freihafen - heute ein Baudenkmal - 60.000 Ballen des kostbaren Rohstoffs pro Jahr gehandelt. In diesen Kontext fügt sich der Aufstieg eines der größten Zigaretten- und Tabakhersteller Deutschlands, der Martin Brinkmann AG, nahtlos ein, der einst populäre Zigaretten-Marken wie »Texas«, »Lux«, »Peer Export« oder »Lord Extra« sowie zahlreiche Pfeifen- und Zigarettentabake produzierte.
Von der Manufaktur zur Martin Brinkmann AG
Wie bei vielen bremischen Unternehmen von Weltruf fing alles einmal überschaubar an. Zunächst 1813 als Tabakhandlung mit einer Manufaktur in Burgdamm von dem Bremer Kaufmann Nikolaus Wilkens gegründet, entwickelte sich die 1878 von August Martin Brinkmann übernommene Firma erst ab 1900 unter der Leitung von Hermann Ritter (1878-1948) zu einem weltweit agierenden Konzern. Mit den Marken »Fatima«, »Lloyd« und »Alva« wurde Brinkmann neben Reemtsma und Haus Neuerburg schnell zum drittgrößten Zigarettenhersteller Deutschlands. Der seit den 1920er-Jahren bekannte Zusammenhang zwischen Rauchen (auch Passivrauchen) und Lungenkrebs schmälerte den Erfolg in keiner Weise. 1910 wurde in Woltmershausen in der Dötlinger Straße eine erste Fabrik errichtet. Von dieser hat sich lediglich die Verwaltungszentrale von 1924 als Baudenkmal erhalten. 1929 wurde die Firma in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Ende des Jahres 1933 hatte Brinkmann bereits 4.874 Beschäftigte. Im gleichen Jahr resultierten 13 Prozent