Heft 
(2023) Bd. 20. Industriedenkmalpflege
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Achim Todenhöfer

Die ehemalige Tabak- und Zigarettenfabrik der Martin Brinkmann AG in Woltmershausen. Vergangenheit und Gegenwart eines Industriedenkmals

Eine kurze Geschichte des Tabaks in Bremen

Neben vielen anderen in Bremens Häfen um­geschlagenen Rohstoffen gehörte der Tabak zu­sammen mit Kaffee, Kakao und Tee wohl zu den populärsten Rohstoffen in Bremens Han­delssortiment. Der Konsum von Tabak, der Handel und die Verarbeitung sowie auch die wissenschaftliche Beschäftigung mit diesem Rohstoff reicht in der Geschichte der Hanse­stadt weit zurück: Vermutlich ab dem 17. Jahr­hundert wurde während der Schaffermahlzeit - einem der ältesten deutschen Charityevents (gegründet 1545) zugunsten bedürftiger See­fahrer - ebenso ausdrücklich geraucht wie bei dem erst in den 1950er-Jahren gegründeten Bremer Tabak-Collegium, einem bekannten elitär-libertären Gesprächsclub. Der Bremer Arzt und Philosoph Johann Neander (1596 bis zirka 1630) veröffentlichte 1622 mit seiner Tabacologia ferner die früheste Abhandlung über den Tabak zur medizinischen Anwendung. Bereits 1832 übertraf Bremens Tabakhandel den ganz Hollands, das bis dahin die europäischen Märkte dominierte. Mit dem Aufkommen der Zigarren seit dem frühen 19. Jahrhundert wur­den diese in unzähligen kleinhäuslichen Heim­und Familienbetrieben in den proletarisch ge­prägten Stadtteilen Bremens in Handarbeit her­gestellt. Um 1850 war nach der Historikerin Dagmar Burgdorf jeder sechste Bremer in der Zigarrenindustrie tätig. 1 Bis zum Jahre 1878 entwickelte sich Bremen laut Andrea Hauser zum ersten Tabakmarkt Deutschlands: »Über 3/5 des deutschen Bedarfs an Tabak wurde nun über Bremen eingeführt.« 2 Noch in der 2. Hälf­te des 20. Jahrhundert wurden auf der Tabak-

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börse der Deutsch-Indonesischen Tabakhan­delsgesellschaft (DITH) im Freihafen - heute ein Baudenkmal - 60.000 Ballen des kostbaren Rohstoffs pro Jahr gehandelt. In diesen Kontext fügt sich der Aufstieg eines der größten Ziga­retten- und Tabakhersteller Deutschlands, der Martin Brinkmann AG, nahtlos ein, der einst populäre Zigaretten-Marken wie »Texas«, »Lux«, »Peer Export« oder »Lord Extra« sowie zahlrei­che Pfeifen- und Zigarettentabake produzierte.

Von der Manufaktur zur Martin Brinkmann AG

Wie bei vielen bremischen Unternehmen von Weltruf fing alles einmal überschaubar an. Zu­nächst 1813 als Tabakhandlung mit einer Ma­nufaktur in Burgdamm von dem Bremer Kauf­mann Nikolaus Wilkens gegründet, entwickelte sich die 1878 von August Martin Brinkmann übernommene Firma erst ab 1900 unter der Leitung von Hermann Ritter (1878-1948) zu einem weltweit agierenden Konzern. Mit den Marken »Fatima«, »Lloyd« und »Alva« wurde Brinkmann neben Reemtsma und Haus Neuer­burg schnell zum drittgrößten Zigarettenher­steller Deutschlands. Der seit den 1920er-Jahren bekannte Zusammenhang zwischen Rauchen (auch Passivrauchen) und Lungenkrebs schmä­lerte den Erfolg in keiner Weise. 1910 wurde in Woltmershausen in der Dötlinger Straße eine erste Fabrik errichtet. Von dieser hat sich ledig­lich die Verwaltungszentrale von 1924 als Bau­denkmal erhalten. 1929 wurde die Firma in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Ende des Jah­res 1933 hatte Brinkmann bereits 4.874 Beschäf­tigte. Im gleichen Jahr resultierten 13 Prozent