Heft 
(2020) Bd. 17. Reformarchitektur
Seite
76
Einzelbild herunterladen
 

Denkmalpflege in Bremen Heft 17

Marianne Ricci

Für Bremen gebaut: Rudolf Jacobs (1878-1946)

Gesellschaftlicher Wandel fand stets seinen bau­lichen Ausdruck in der Architektur. Nicht nur Reichtum und Fortschritt, sondern auch Not­stand sowie religiöse und politische Verände­rungen sind heute im Stadtbild anhand von Gebäuden vielfach ablesbar. Der Stadtorganis­mus trägt diese Bauten als Erinnerungsmarken. Stolz werden die schönen Stadtbilder insbeson­dere Besuchern präsentiert, während andere, weniger repräsentative Bereiche versteckt oder überschminkt werden. Die Gesamtheit von un­terschiedlichen Elementen gebauter Umwelt, mit Dekor oder Narben, ist Träger kollektiver Erinnerungen der Bewohner und prägt die Identität der Stadt damals wie heute stetig und

Porträt Rudolf Jacobs

76

nachhaltig. Stadtgesellschaft ist wiederum nicht statisch, sondern von fortwährenden vielschich­tigen Entwicklungen beeinflusst und setzt ihrer­seits erneut Zeichen ihrer Zeit. Das Spannungs­feld zwischen »Altem« und »Neuem« wurde mit Blick auf diese Veränderungen zu unterschied­lichen Zeiten immer wieder kontrovers disku­tiert. Welcher bauliche Ausdruck ist möglich, erforderlich oder angemessen für einen gegen­wärtigen Zeitgeist? Welche Bauten und Bilder benötigt oder erträgt der individuelle Stadt­organismus? Welchen »Footprint« wollen wir hinterlassen? Diese und viele weitere Fragen be­schäftigen einst und jetzt nicht nur Architekten, Stadtplaner und Denkmalpfleger, sondern auch weite Kreise der Stadtgesellschaft. Denn im Um­gang mit der Umwelt, der Stadt und ihren Gebäuden spiegelt sich auch immer eine all­gemeine Wertvorstellung wider. Angesichts der derzeitigen Schnelllebigkeit und des Investi­tionsdrucks stehen Aspekte wie Nachhaltigkeit und das Bewahren des Alten für das Zukünftige wieder ganz aktuell im Diskurs. Oft ist es ein Blick in die Geschichte, der Wissenswertes über gesellschaftlichen Wandel und den damit ver­bundenen baulichen Ausdruck vermitteln kann; ein Rückblick, der die Augen für das Gegen­wärtige und Kommende öffnen kann.

Die Wende zum 20. Jahrhundert war ge­prägt von der Suche nach einem neuen Stil in der Architektur. Die rege Bautätigkeit verän­derte das Bild der Städte maßgeblich. Hatten die Industrialisierung im 19. Jahrhundert und der wirtschaftliche Aufschwung seit der deut­schen Reichsgründung 1871 die Architekten zunächst vor die Herausforderung gestellt, die mit der rasanten Entwicklung verbundenen not­wendigen »neuen Bauaufgaben« in »neue For­men« zu kleiden, bediente man sich in der Ar-