Heft 
(2014) Bd. 11. Mittelalterliche Kirchen
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Ulrich Weidinger

Die Bremer Kirche und die Mission im Norden und Osten Europas

Als der angelsächsische Missionsbischof Wille­had am 1. November 789 in Bremen eine erste, wahrscheinlich noch aus Holz erbaute Dom­kirche errichten ließ und damit Bremen zum ständigen Bischofssitz seines die friesisch-säch­sische Küstenlandschaft umfassenden Kirchen- sprengels bestimmte, da war diesem Bistum zunächst dieselbe Aufgabe zugedacht wie den anderen sieben sächsischen Bistümern aus karo- lingischer Zeit: die Bekehrung und geistliche Betreuung der noch heidnischen Sachsen und Friesen. Von der herausragenden Rolle, die die Bremer Bischofskirche schon bald in der mittel­alterlichen Missionsgeschichte Nordeuropas spielen sollte, konnte man damals noch nichts ahnen. Dies änderte sich schlagartig, als der durch Wikingerhorden aus Hamburg vertrie­bene Ansgar 848/49 den vakanten Bremer Bi­schofsstuhl als vierter Amtsinhaber besetzte. Ansgar (Amtszeit: 848-865), der um 832 durch Papst Gregor IV. zum Missionserzbischof für die transelbischen Gebiete und für den skandi­navischen Norden bestellt worden war und dem für diese Aufgabe zunächst Hamburg als Stütz­punkt zugewiesen war, brachte von dort seinen päpstlichen Legationsauftrag für den hohen Norden mit an die Weser. Seither betrachtete die Bremer Kirche die Missionierung des euro­päischen Nordens als ihr »primum officium« (Adam von Bremen), ihre fundamentale Haupt­aufgabe. Diese Ausrichtung auf den europäi­schen Norden - und später auch Osten - löste die Bremer Kirche aus ihrer anfänglichen pro­vinziellen Beschränkung, es kam nun zu einer grenzüberschreitenden Ausweitung und Inter- nationalisierung ihrer Interessen. Das Bremer (Erz-)Bistum erlangte nunmehr eine Wertigkeit, die den Bremer Dom weit über die anderen, auf

ihr regionales Umfeld beschränkten norddeut­schen Bischofskirchen hervorhob.

Mit dem Apostolat des Nordens wuchs der Bremer Domkirche eine historische Aufgabe von europäischem Rang zu, denn die Ausbrei­tung des Christentums war für Europa konsti­tutiv. Vor der Christianisierung glich Europa einem ethnischen, kulturellen und religiösen Flickenteppich, dessen Ländern und Völkern ein übergreifender, sie verbindender Zusammen­hang weitgehend abhandenging. Dieses gesamt­europäische Fundament wurde erst durch die Missionierung des Kontinents gelegt, denn im Gegensatz zum Gentiiismus der heidnischen Kulturen und Religionen war dem Christentum von Anfang an eine universale Perspektive zu eigen. Mit dem Christentum besaß Europa seit dem Hochmittelalter ein alle Staaten und Völ­ker verbindendes Element. Die Rangerhöhung, die der Bremer Kirche durch den Legations­auftrag zuteilwurde, fand noch zu Ansgars Zei­ten durch einen aufwendigen Dombau ihren äußerlichen, für jedermann sichtbaren Aus­druck: Ansgar ließ auf der Domdüne eine über 32 Meter lange dreischifEge Basilika mit qua­dratischem Ostchor errichten und verschaffte seinem neuen Bischofssitz damit eine seiner ge­stiegenen Bedeutung entsprechende repräsenta­tive Kathedrale.

Auch nach seiner Erhebung auf den Bremer Bischofsstuhl begab sich Ansgar in den 50er- Jahren des 9. Jahrhunderts noch einmal per­sönlich auf Missionsreise nach Dänemark und Schweden, wo er Krchen gründete (in Ribe und Schleswig) bzw., wie im schwedischen Birka, den christlichen Kult zu neuem Leben erweck­te. Diesem Beispiel Ansgars folgten dann auch dessen Nachfolger Rimbert (865-888) und