Ulrich Weidinger
Die Bremer Kirche und die Mission im Norden und Osten Europas
Als der angelsächsische Missionsbischof Willehad am 1. November 789 in Bremen eine erste, wahrscheinlich noch aus Holz erbaute Domkirche errichten ließ und damit Bremen zum ständigen Bischofssitz seines die friesisch-sächsische Küstenlandschaft umfassenden Kirchen- sprengels bestimmte, da war diesem Bistum zunächst dieselbe Aufgabe zugedacht wie den anderen sieben sächsischen Bistümern aus karo- lingischer Zeit: die Bekehrung und geistliche Betreuung der noch heidnischen Sachsen und Friesen. Von der herausragenden Rolle, die die Bremer Bischofskirche schon bald in der mittelalterlichen Missionsgeschichte Nordeuropas spielen sollte, konnte man damals noch nichts ahnen. Dies änderte sich schlagartig, als der durch Wikingerhorden aus Hamburg vertriebene Ansgar 848/49 den vakanten Bremer Bischofsstuhl als vierter Amtsinhaber besetzte. Ansgar (Amtszeit: 848-865), der um 832 durch Papst Gregor IV. zum Missionserzbischof für die transelbischen Gebiete und für den skandinavischen Norden bestellt worden war und dem für diese Aufgabe zunächst Hamburg als Stützpunkt zugewiesen war, brachte von dort seinen päpstlichen Legationsauftrag für den hohen Norden mit an die Weser. Seither betrachtete die Bremer Kirche die Missionierung des europäischen Nordens als ihr »primum officium« (Adam von Bremen), ihre fundamentale Hauptaufgabe. Diese Ausrichtung auf den europäischen Norden - und später auch Osten - löste die Bremer Kirche aus ihrer anfänglichen provinziellen Beschränkung, es kam nun zu einer grenzüberschreitenden Ausweitung und Inter- nationalisierung ihrer Interessen. Das Bremer (Erz-)Bistum erlangte nunmehr eine Wertigkeit, die den Bremer Dom weit über die anderen, auf
ihr regionales Umfeld beschränkten norddeutschen Bischofskirchen hervorhob.
Mit dem Apostolat des Nordens wuchs der Bremer Domkirche eine historische Aufgabe von europäischem Rang zu, denn die Ausbreitung des Christentums war für Europa konstitutiv. Vor der Christianisierung glich Europa einem ethnischen, kulturellen und religiösen Flickenteppich, dessen Ländern und Völkern ein übergreifender, sie verbindender Zusammenhang weitgehend abhandenging. Dieses gesamteuropäische Fundament wurde erst durch die Missionierung des Kontinents gelegt, denn im Gegensatz zum Gentiiismus der heidnischen Kulturen und Religionen war dem Christentum von Anfang an eine universale Perspektive zu eigen. Mit dem Christentum besaß Europa seit dem Hochmittelalter ein alle Staaten und Völker verbindendes Element. Die Rangerhöhung, die der Bremer Kirche durch den Legationsauftrag zuteilwurde, fand noch zu Ansgars Zeiten durch einen aufwendigen Dombau ihren äußerlichen, für jedermann sichtbaren Ausdruck: Ansgar ließ auf der Domdüne eine über 32 Meter lange dreischifEge Basilika mit quadratischem Ostchor errichten und verschaffte seinem neuen Bischofssitz damit eine seiner gestiegenen Bedeutung entsprechende repräsentative Kathedrale.
Auch nach seiner Erhebung auf den Bremer Bischofsstuhl begab sich Ansgar in den 50er- Jahren des 9. Jahrhunderts noch einmal persönlich auf Missionsreise nach Dänemark und Schweden, wo er Krchen gründete (in Ribe und Schleswig) bzw., wie im schwedischen Birka, den christlichen Kult zu neuem Leben erweckte. Diesem Beispiel Ansgars folgten dann auch dessen Nachfolger Rimbert (865-888) und