Denkmalpflege in Bremen Heft 6
Rolf Kirsch
Neu unter Schutz gestellte Kulturdenkmale: Kaffee-HAG-Ensemble und Schule am Halmerweg
Kaffee-HAG-Ensemble
Der renommierte Bremer Architekt Hugo Wagner (1873-1944) errichtete 1906/07 am Holz- und Fabrikenhafen die Kaffee-HAG-Fa- brik. Ludwig Roselius (1874-1943), der Entwickler und Fabrikant des ersten im industriellen Maßstab hergestellten entkoffeinierten Kaffees der Welt, hatte sie bei ihm in Auftrag gegeben. Der markante Eisenbetonbau ist ein wichtiges Bauzeugnis der Reformbestrebungen im Fabrik-
Kaffee-HAG-Zeile entlang der Hagstraße, Foto 2003
94
bau der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Er fand damals in ganz Deutschland Beachtung als Beispiel eines modernen, sich von den Fesseln historistischer Dekorationsarchitektur lösenden Industriebaus im Sinne des Deutschen Werkbundes.
Die Kaffee-HAG-Fabrik steht noch am Beginn des Suchens der deutschen Architekten nach neuen Formen im Industriebau. Ein radikaler Funktionalismus im Sinne der Neuen Sachlichkeit ist noch nicht realisiert. Einflüsse des Heimatstils und des englischen Landhausbaus führten bei aller Reduktion zu einer malerischen Bewegtheit der Silhouetten, zur Verwendung von Walmdächern mit Fledermausgauben und zu transformierten, abstrahierten Schmuckformen wie den geschrägten Doppelkonsolen der Pseudopilaster.
Die funktionelle Verteilung einzelner Fabrikationsprozesse auf eine Serie spezialisierter Bauten spiegelt die Modernität der weitgehend automatisierten Produktion, aber auch das Streben nach erhöhter Brandsicherheit. Die Fabrikarchitektur von Kaffee HAG diente außerdem bereits im Sinne einer heutigen »corporate identity« als Symbol und Markensignet für das Produkt »Kaffee HAG«. Dieses war als »gesunder«, nervenschonender Kaffee ein typisches Kind der Lebensreformbewegung. Die Markenbezeichnung wurde geradezu zum Synonym für entkoffeinierten Kaffee.
Die seit Längerem nicht mehr in Betrieb befindliche Fabrik erlebte, abgesehen vom Verlust ihres Maschinenparks, im Laufe der Zeit einige Veränderungen und Teilabbrüche. Diese griffen in den architektonischen Entwurf Wagners ein und betrafen auch die frühen Erweiterungen der 1910er und 20er Jahre, die unter Fortführung des Wagnerschen Fassadensystems